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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
130. An Demetrias

7.

In der ganzen christlichen Welt wird rühmend berichtet, wie die zwei christlichen Mütter ihrer jungfräulichen Tochter die gesamte Aussteuer mitgaben, um das Empfinden des Bräutigams in keiner Weise zu verletzen. Demetrias sollte dem neuen Bräutigam mit der Mitgift entgegentreten, welche für die zuerst in Aussicht genommene Verbindung bestimmt war, so daß jetzt mit dem Vermögen, welches für weltliche Dinge draufgehen sollte, der Armut der Hausgenossen Gottes gesteuert werden kann. Soll man so etwas für möglich halten? Ja, so handelte unsere Proba, deren Name alle Würden und allen Adel im römischen Reiche überragt, deren Heiligkeit und alle umfassende Güte selbst bei den Barbaren geschätzt wird und auch nicht nachließ, als ihre drei Söhne Probinus, Olybrius und Probus zu ordentlichen Konsuln gewählt worden waren. 1 So handelte unsere Proba, von der man erzählt, daß sie, als nach der Brandschatzung und Plünderung der Häuser allen in der Stadt Rom die Gefangenschaft drohte, ihren väterlichen Besitz verkaufte und aus dem ungerechten Mammon sich Freunde machte, die sie einführen sollten [S. 250] in die ewigen Zelte. 2 Vor ihr müßten die Geistlichen jeden Grades und die ihren Namen schändenden Mönche in Scham versinken, welche Grundstücke erwerben, während diese vornehme Frau die ihrigen verkaufte. Kaum war sie den Händen der Barbaren entronnen, noch trauerte sie über die Jungfrauen, welche man von ihrer Seite weggerissen hatte, da trifft sie plötzlich und unvermutet ein harter Schlag, ihr Lieblingssohn wird ihr durch den Tod entrissen. Aber die Großmutter der einstigen Braut Christi erträgt, wie wenn sie ihre zukünftige Würde geahnt hätte, in Geduld die tödliche Wunde. Es bewahrheitet sich an ihr, was der Dichter zum Lobe des Gerechten singt: „Wenn auch die ganze Welt zusammenstürzt, so werden die Trümmer einen Furchtlosen treffen.“ 3

Im Buche Job lesen wir: „Während dieser noch redete, kam ein anderer Bote.“ 4 Im gleichen Buche heißt es: „Eine Versuchung“, oder besser nach dem Hebräischen, „ein Kriegsdienst ist des Menschen Leben auf Erden.“ 5 Denn deshalb mühen wir uns hier ab und setzen uns den Gefahren des Kriegsdienstes in dieser Welt aus, um in der zukünftigen Welt die Krone zu ernten. Wir dürfen uns nicht darüber wundern, daß die Menschen heimgesucht werden, ist doch auch unser Herr selbst versucht worden. 6 Auch von Abraham berichtet die Schrift, daß ihn der Herr versucht hat. 7 Deshalb sagt auch der Apostel: „Wir freuen uns in der Trübsal. Wir wissen, daß Trübsal Geduld erzeugt, Geduld Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber läßt uns nicht zuschanden werden.“ 8 An einer weiteren Stelle schreibt er: „Wer wird uns trennen von der Liebe Christi? Etwa Trübsal oder Angst? Verfolgung, Hunger oder Armut? Gefahr oder Schwert? Steht nicht geschrieben: Um deinetwillen werden wir getötet den [S. 251] ganzen Tag, sind wir Schlachtschafen gleichzustellen.“ 9 Und Isaias wendet sich an die geprüften Menschen mit den Worten: „Sobald ihr der Milch entwöhnt und von der Mutterbrust genommen seid, habt ihr Trübsal auf Trübsal zu erwarten, Hoffnung auf Hoffnung.“ 10 Die Leiden dieser Zeitlichkeit sind nicht zu vergleichen mit der kommenden Herrlichkeit, die sich an uns offenbaren wird. 11 Warum ich diese Stellen anführe, wird sich aus meinen weiteren Ausführungen ergeben. Als Proba von der hohen See her die rauchenden Trümmer ihrer Vaterstadt sah, als sie ihr und der Ihrigen Heil dem gebrechlichen Schifflein anvertraute, landete sie an den Küsten Afrikas, wo sie noch Grausigeres erleben sollte. Dort nahm sie einer in Empfang, bei dem man nur zweifeln kann, ob er mehr geizig oder mehr grausam war. 12 Diesem Menschen ging nichts über Wein und Geld. Unter dem Scheine der Ergebenheit gegen den mildesten Kaiser wurde er gegen alle zum grausamsten Tyrannen. Man könnte ihn, um in der Sprache der Dichter zu reden, mit Orkus in der Unterwelt vergleichen, freilich mit dem Unterschiede, daß er keinen drei-, sondern einen vielköpfigen Cerberus besaß, 13 der alles an sich zog, alles zerriß, alles vernichtete. Mit Gewalt schleppte er die verlobten Töchter aus den Armen ihrer Mütter. 14 [S. 252] Syrischen Händlern, den habgierigsten unter allen Sterblichen, verkaufte er Mädchen aus vornehmen Häusern als Frauen. Er kannte kein Mitleid mit der Not der Waisen, der Witwen und der Christus geweihten Jungfrauen. Er hatte kein Auge für ihre flehentlichen Blicke, sondern nur für ihre geldspendenden Hände. Unsere Matrone mußte, nachdem sie den Barbaren entronnen war, aushalten in dieser wilden Charybdis, in dieser von vielen Hunden umgebenen Scylla, 15 die weder die Schiffbrüchigen schonte, noch Mitleid mit den Gefangenen kannte. Du Grausamer, konntest du dir nicht wenigstens ein Beispiel nehmen an dem Feinde des römischen Reiches! Der Brennus unserer Tage 16 nahm mit, was immer er vorfand; Du verlangst, was nicht zu finden ist. Und da kommen die Splitterrichter — die Tugend hat immer Neider in ihrem Gefolge — und stellen verwunderte Fragen. Wie konnte sie in einem stillschweigenden Abkommen die Tugend ihrer Begleiterinnen durch ein Lösegeld erkaufen? Sie übersehen, daß er auf diese Weise geruhte, sich mit einem Teile zu begnügen, wo er doch alles nehmen konnte. Sie übersehen, daß Proba dem Vertreter des Kaisers 17 nichts abzuschlagen wagte, von dem sie merkte, daß er einem Tyrannen gleich sie unter dem Schein vornehmen Wesens wie eine Sklavin behandelte. Aber ich weiß, daß ich mich mit meinen Worten dem Gekläff meiner Feinde preisgebe. Man wird sagen, ich wolle dieser erlauchten und vornehmen Dame schmeicheln. 18 Sie werden mit ihren Anklagen verstummen [S. 253] müssen, wenn sie bedenken, daß ich bis jetzt geschwiegen habe. Denn ich habe mich niemals, weder zu Lebzeiten noch nach dem Tode ihres Mannes, zum Lobredner ihres alten Geschlechtes, ihres Reichtums, ihres gewaltigen Einflusses aufgeworfen, wie es andere schnöden Gewinnes halber wohl getan hätten. Ich will nur im Sinne der Kirche der Großmutter meiner Jungfrau ein Lob spenden; ich will ihr dafür danken, daß sie dem Vorhaben ihrer Enkelin ihre tatkräftige Unterstützung lieh. Im übrigen dürfte der Vorwurf der Schmeichelei gegenstandslos sein bei einem, der in der Klosterzelle bei einfacher Kost und grober Kleidung dahinlebt, dessen alte Tage an den nahen Tod und eine nur noch bescheidene Lebensfrist mahnen. Des weiteren wird sich mein Brief nur an die Jungfrau wenden, eine Jungfrau freilich nicht minder vornehm durch ihre Heiligkeit als durch ihre Abstammung, eine Jungfrau, deren Aufstieg um so herrlicher sein wird, je schlimmer ihr Fall zu beklagen wäre.

„Eines, du Tochter des Himmels, vor allem das eine dir künd’ ich
Wiederholend es dir und mahnend dich ständig und ständig“, 19
versenke Dich mit Liebe in die Lesung der Hl. Schrift! Laß auf dem guten Erdreich Deiner Seele Lolch und Unkraut niemals Wurzel fassen! 20 Es darf nicht, während der Familienvater (der νοῦς, d.h. der stets mit Gott verbundene Geist) schläft, der Feind Unkraut dazwischen säen. Du sollst immer sagen können: „Während der Nacht habe ich den gesucht, den meine Seele liebt. Ich habe Ausschau gehalten, wo du deine Herde weidest, wo du Rast hältst am Mittage. 21 Meine Seele hängt an dir, und deine Rechte erfaßt mich.“ 22 Sprich mit Jeremias: „Dir zu folgen, strengte mich nicht an;“ 23 [S. 254] denn kein Schmerz ist in Jakob und keine Mühe in Israel. 24 Als Du noch zur Welt gehörtest, da liebtest Du die Dinge der Welt. Du färbtest Dein Angesicht rot und legtest auf Deine Wangen Bleiweiß auf. Du sorgtest für eine elegante Frisur, und mit fremden Haaren schufst Du ein turmähnliches Gebilde. Ich will nicht reden von den kostbaren Ohrringen und den glänzenden Perlen, die einst auf dem Boden des Roten Meeres lagen, von den grünleuchtenden Smaragden, den rotschimmernden Edelsteinen, den hyazinthenfarbenen Amethysten, die Wunsch und leidenschaftliches Sehnen der Frauen sind. Jetzt hast Du die Welt verlassen. Auf der zweiten Stufe nach der Taufe angelangt, hast Du mit Deinem Gegner ein Abkommen getroffen und zu ihm gesprochen: „Ich widersage dir, o Satan, deiner Welt, deiner Pracht und deinen Werken.“ 25 Halte fest an dieser Abmachung und bleibe ihr treu! Wahre den Vertrag, den Du mit Deinem Feinde geschlossen hast, solange Du in dieser Welt weilst, damit er Dich nicht etwa dem Richter überliefern 26 und den Nachweis erbringen kann, daß Du Dich doch an seinen Gütern vergriffen hast. Du möchtest sonst dem Gerichtsdiener ausgeliefert werden, der beides in einer Person ist, Feind und Rächer. Du könntest sonst in den Kerker kommen und in die äußerste Finsternis, 27 die um so schauriger ist für uns, wenn wir uns von Christus, dem wahren Lichte, lossagen. Dort würdest Du nicht eher fortkommen, bis der letzte Heller bezahlt, 28 d.h. bis der kleinste Fehler gesühnt ist; denn am Gerichtstage müssen wir selbst für jedes unnütze Wort Rechenschaft ablegen. 29

1: Consules ordinarii sind die im Jahr zuerst gewählten, dem Jahr den Namen gebenden Konsuln im Gegensatz zu den consules suffecti, den Ersatzkonsuln. Wegen des damals mit dem Amte verbundenen Aufwandes hatte die Familie große Auslagen, zumal die beiden ersten Söhne zusammen diese Würde bekleideten (395), während Probus 406 Konsul war. Trotzdem schränkte Proba ihre Mildtätigkeit nicht ein.
2: Luk. 16, 9.
3: Horaz, Carm. III 3, 7 f.
4: Job 1, 18.
5: Ebd. 7, 1.
6: Matth. 4, 1 ff.
7: Gen. 22, 1.
8: Röm. 5, 3 ff.
9: Röm. 8, 35 f.
10: Is. 28, 9 f. (nach LXX).
11: Röm. 8, 18.
12: Heraklian, der den Mordbefehl an Stilicho vollzogen hatte, wurde zur Belohnung später comes in Afrika. Dort rettete er dem Kaiser Honorius diese Provinz gegen Attalus, den Alarich zum Gegenkaiser gemacht hatte. Bald darauf empörte er sich gegen den Kaiser und kam 413 bei einer Militärrevolte um. Er war wegen seiner Grausamkeit und Habsucht allgemein verhaßt. Vgl. auch Comm. in Ezech. 28, 1 ff. (M PL XXV 280).
13: Orkus, der Gott der Unterwelt, ließ deren Eingang durch den Höllenhund Cerberus bewachen, den sich die ältere Mythologie vielköpfig dachte, während ihn die jüngere nur mit drei Köpfen kennt. Hier ist unter dem Cerberus Sabinus, der Schwiegersohn Heraklians und Teilhaber an dessen Schandtaten zu verstehen, der nach dem Tode seines Schwiegervaters nach Konstantinopel flüchtete.
14: Vergil, Aen. X 79.
15: Vgl. S. 218 Anm. 2.
16: Alarich, der, ähnlich wie Brennus im Jahre 390 v. Chr., Rom eroberte und brandschatzte.
17: ,,comes“ ist in der späteren Kaiserzeit der den höchsten Hofbeamten zustehende Titel und die Amtsbezeichnung der Militärgouverneure in den Provinzen.
18: Auch Gr. spricht von „unerhörten Lobhudeleien“ und „dick aufgetragenen Schmeicheleien“ (III 254 f.). Es liegt aber kein Grund vor, an der Wahrheit der Mitteilungen zu zweifeln, die sich nun einmal den Gesetzen der antiken Rhetorik anpassen. Sie sind sicherlich keine „mercennaria oratio“.
19: Vergil, Aen. III 435 f.
20: Matth. 13, 8. 25.
21: Hohel. 3, 1; 1, 6.
22: Ps. 62, 9.
23: Jer. 17, 16 (nach LXX).
24: Num. 23, 21 (nach LXX).
25: Vgl. Rituale Rom. Tit. II c. 4, 6.
26: Matth. 5, 25.
27: Ebd. 22, 13.
28: Ebd. 5, 26.
29: Ebd. 12, 36.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger