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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
130. An Demetrias

6.

Mir versagt die Feder ihren Dienst, und ich möchte lieber auf eine Schilderung verzichten, die durch meine Wiedergabe nur leiden würde. Wollte man die Größe dieser außergewöhnlichen Freude schildern, so würde selbst der Redefluß eines Cicero vertrocknen. Sogar die schwungvolle und blitzende Redeweise eines Demosthenes käme uns nur schleppend und matt vor. Was sich der Geist immer ausdenken und was die Sprache nicht wiedergeben kann, das spielte sich in diesem Augenblicke ab. Um die Wette überschütten die beiden Frauen ihre Enkelin und Tochter mit Küssen. Reichlich fließen Freudentränen. Sie heben Demetrias vom Boden auf und umarmen sie, deren Erregung sich noch nicht legen konnte. Die beiden Frauen finden in dem Entschluß Demetrias ihre eigene Einstellung wieder und wünschen der Jungfrau Glück, daß sie durch ihr Gelöbnis [S. 247] der Jungfräulichkeit den alten Adel in neuem Glanz aufleuchten läßt. Sie hatte entdeckt, was mehr wert ist als vornehme Abkunft; ihr Vorhaben war geeignet, den Schmerz über das schwer heimgesuchte Rom zu lindern. Gütigster Jesus, was war das nicht für eine Freude in diesem Hause! Wie aus einer fruchtbaren Wurzel sproßten auf einmal viele Jungfrauen hervor. Eine große Schar Klientinnen und Dienerinnen folgte dem Beispiel ihrer Schutzherrin und Meisterin. In allen Häusern entbrannte die Sehnsucht nach dem Gelöbnis eines jungfräulichen Lebens. War auch die Lebenslage der einzelnen eine ganz verschiedene, so waren sie sich einig im Streben nach der Palme der Keuschheit. Ich sage zu wenig. Alle Kirchen Afrikas jubelten sozusagen im Siegestanz. Die ungewöhnliche Botschaft verbreitete sich nicht nur in den Städten, Flecken und Dörfern, sondern sie fand den Weg selbst zu den kleinsten Hütten. Alle Inseln zwischen Afrika und Italien waren erfüllt von dem Gerüchte, und die Freude darüber schritt ungehemmt weiter. Da legte Italien seine Trauerkleider ab, und die halbzerstörten Mauern der Stadt Rom erstrahlten zum Teil wieder in ihrem früheren Glanze; denn man erblickte darin einen besonderen Gnadenerweis Gottes, daß sich an einem Kinde der Stadt eine solch vollkommene Umwandlung vollzog. Man hätte glauben können, die Heere der Goten seien vernichtet worden, Blitz und Donner vom Himmel her hätten die Horden der Überläufer und Sklaven niedergeschlagen. Nicht einmal der erste Sieg, den Marcellus bei Nola davontrug, 1 hat die Bevölkerung Roms so gehoben, die nach den Schlachten an der Trebbia, am Trasimenischen See und bei Cannä 2 den Tod so vieler Tausende ihrer Soldaten zu beklagen hatte. Weit geringer war ehedem [S. 248] die Freude des römischen Adels, der sich mit Gold hatte loskaufen müssen, und der auf der Burg weilenden Jungmannschaft Roms über die Nachricht von der Vernichtung der gallischen Heeresmassen. 3 Das Gerücht von Demetrias Entschluß pflanzte sich fort bis an die Gestade des Orients, und in allen Städten des Mittelmeeres erzählte man von diesem Triumphe des Christentums. Welche gottgeweihte Jungfrau rühmte sich damals nicht, es Demetrias gleich getan zu haben? Wo gab es eine Mutter, Juliana, welche Deinen gesegneten Schoß nicht glücklich gepriesen hätte? Mögen die Ungläubigen von dem Lohn im Jenseits als von einer zweifelhaften Sache reden. Du aber, o Jungfrau, hast bis jetzt schon mehr erhalten, als Du geopfert hast. Als Braut eines Mannes warst Du nur in einer Provinz bekannt; von Dir, der Jungfrau Christi, hallt der ganze Erdkreis wider. Eltern von niedriger Gesinnung, denen es am lebendigen Glauben fehlt, pflegen ihre ungestalten und verkrüppelten Töchter für den jungfräulichen Stand zu bestimmen, weil sie keinen passenden Schwiegersohn finden. 4 Sagt doch ein Sprichwort: „Wie die Perle, so die Fassung.“ 5 Wer etwas mehr auf Religion hält, setzt den Jungfrauen eine kleine Rente aus, die kaum zum Lebensunterhalt hinreicht, während man den Großteil des Vermögens den in der Welt verbleibenden Kindern beiderlei Geschlechtes vermacht. So handelte vor kurzem ein reicher Priester dieser Stadt, der seine beiden Töchter, die sich dem jungfräulichen [S. 249] Stande widmeten, im Elend sitzen ließ. Für die anderen Kinder aber sorgte er reichlich, so daß sie sich allem Luxus und allen Vergnügungen hingeben konnten. Leider handelten auch viele Frauen so, welche sich wie ich dem klösterlichen Berufe zugewandt haben. Daß doch solche Dinge zu einer Seltenheit würden! Je häufiger sie vorkommen, desto glücklicher sind unsere beiden Frauen, welche dem Beispiele der vielen nicht gefolgt sind.

1: Cicero, Brutus 3, 12. M. Claudius Marcellus trug nach den großen Niederlagen der Römer 216/15 v. Chr. bei Nola den ersten Erfolg über die Karthager davon.
2: Hannibal schlug die Römer 218 v. Chr. an der Trebbia, 217 am Trasimenischen See und 216 bei Cannae.
3: M. Furius Camillus besiegte 390 v. Chr. die Gallier, die bereits bis zum Kapitol vorgedrungen waren, das M. Manlius Capitolinus rettete.
4: Die Stelle berechtigt Gr. (III 255) nicht zu der Bemerkung, daß es „in der Regel“ recht niedrige Motive waren, welche die Eltern veranlassten, ihre Töchter dem Nonnenleben zuzuführen. Auch steht sie im Gegensatz zu der III 251 gemachten Beobachtung, daß „sich die sittlich tüchtigsten Mitglieder (des Hochadels) immer zahlreicher dem Mönchtum zuwandten“.
5: Tertullian, Ad mart. 4 (BKV VII 222).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger