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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
125. An den Mönch Rusticus

7.

Wenn Du ein Mönch sein und nicht bloß scheinen willst, dann sorge Dich nicht um Dein Vermögen; denn diesem mußtest Du ja bei Antritt Deines neuen Berufes entsagen, sondern um Deine Seele. Die schmutzigen Kleider seien ein Hinweis auf Deine reine Gesinnung, die schlichte Tunica deute die Weltverachtung an. Freilich darf man sich dabei nicht der Hoffart hingeben, Kleid und Wort dürfen nicht zueinander in Gegensatz treten. Wenn Du die Glut des Körpers durch die Kühle [S. 222] des Fastens auslöschen willst, darfst Du sie durch den Besuch von Bädern nicht reizen. Das Fasten selbst sollst Du mäßig üben, damit die Übertreibung nicht den Magen schwäche. Im anderen Falle gelüstet Dich nach einer größeren Stärkung. Dies führt dann zu einer Überladung des Magens, und die Folge davon ist die Erregung der Lüsternheit. Mäßiges und geregeltes Essen ist dem Leibe und der Seele nützlich. Die Besuche bei Deiner Mutter richte so ein, daß Du bei ihr nicht andere Frauen zu sehen brauchst, deren Züge Dir im Herzen haften möchten, so daß eine heimliche Wunde in der Seele zurückbleibt. 1 Bedenke, daß die Mägde in ihrem Dienste für Dich eine Gefahr sein können; denn je einfacher der Stand, desto leichter der Fall. Auch Johannes der Täufer hatte eine fromme Mutter, er war der Sohn eines Priesters. 2 Aber weder die Liebe der Mutter noch der Reichtum des Vaters konnten ihn bestimmen, im Elternhause zu wohnen, wo seiner Keuschheit Gefahr drohen konnte. Er lebte in der Wüste 3 und wollte mit seinen Augen, die sich nach Christus sehnten, nichts anderes anschauen. Sein Gewand war rauh, sein Gürtel aus Leder, Heuschrecken und wilder Honig 4 waren seine Speise. Alles war eingestellt auf Tugend und Enthaltsamkeit. Die Prophetensöhne, die Mönche des Alten Bundes, bauten sich kleine Hütten längs des Jordans. Dort nährten sie sich fern vom Getriebe der Städte von Mais und Feldkräutern. 5 So lange Du in Deiner Heimat weilst, sei Deine kleine Zelle Dein Paradies; pflücke Früchte aller Art vom Baum der Hl. Schriften! Sie seien Deine Erholung, in ihrer Umarmung freue Dich! Wenn Dich Auge, Fuß oder Hand ärgern, dann wirf sie von Dir. 6 Schone keines von ihnen, um ja Deine Seele zu retten. Der Herr sagt: „Wer eine Frau anblickt, um sie zu begehren, der hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen.“ 7 Wer kann sich rühmen, ein keusches Herz [S. 223] zu besitzen? 8 Selbst die Sterne sind nicht rein in den Augen Gottes, um wieviel weniger die Menschen, deren Leben Versuchung ist? 9 Wehe uns, die wir bei jeder bösen Begierde der Fleischeslust verfallen! „Mein Schwert“ — so lesen wir — „hat sich berauscht im Himmel“, 10 aber wieviel mehr noch auf der Erde, welche Dornen und Disteln zeugt! 11 Das Gefäß der Auserwählung, der Dolmetscher Christi, kasteit seinen Leib und hält ihn in Zucht. 12 Und dennoch spürt er, wie der natürliche Trieb des Fleisches seinem Geiste widerstrebt so daß er sich getrieben fühlt, zu tun, was er nicht will, 13 und gleichsam Gewalt leidend in die Worte ausbricht: „Ich unglücklicher Mensch, wer wird mich befreien von diesem Todesleibe?“ 14 Und Du glaubst, ohne Fall und ohne Wunde davonkommen zu können, wenn Du nicht mit aller Behutsamkeit auf Dein Herz acht hast 15 und mit dem Erlöser sprichst: „Meine Mutter und meine Brüder sind jene, welche den Willen meines Vaters erfüllen?“ 16 Diese Art von Grausamkeit ist wahre Kindesliebe. Denn was ist Gott so wohlgefällig, als den Sohn einer heiligen Mutter in der Heiligkeit zu bewahren? Auch sie wünscht, daß Du zum Leben eingehst. Gern wird sie für eine Zeitlang darauf verzichten, Dich zu sehen, um Dich einstens immer mit Christus zu sehen. Anna hat den Samuel nicht für sich, sondern für das heilige Zelt geboren. 17 Von den Söhnen Jonadabs, welche Wein und berauschendes Getränk nicht tranken, welche in Zelten wohnten und dort ihr Lager aufschlugen, wo die Nacht sie überraschte, berichtet der Psalm, daß sie zuerst in Gefangenschaft gerieten, weil das babylonische Heer, das Judäa verwüstete, sie gezwungen hatte, sich in die Städte zurückzuziehen. 18 [S. 224]

1: Vergil, Aen. IV 67.
2: Luk. 1, 6. 5.
3: Ebd. 1, 80.
4: Matth. 3, 4.
5: 4 Kön. 6, l ff.; 4, 38 ff.
6: Mark. 9, 42 ff.
7: Matth. 5, 28.
8: Sprichw. 20, 9 (nach LXX).
9: Job 25, 5; 7, 1 (nach LXX).
10: Is. 34, 5.
11: Gen. 3, 18.
12: 1 Kor. 9, 27.
13: Röm. 7, 14 ff.
14: Ebd. 7, 24.
15: Sprichw. 4, 23.
16: Matth. 12, 50; Luk.8, 21.
17: 1 Kön. 1, 24 ff.
18: Jer. 35. Der 70. Psalm trägt die Überschrift „Psalmus David, filiorum Ionadab et priorum captivorum“. Wie Hieronymus die Gefangenschaft der Söhne Jonadabs versteht, legt er in einem seiner Briefe an Paulinus von Nola klar (ep.58, 5 s. S.179).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger