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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
125. An den Mönch Rusticus

6.

Wie ich höre, hast Du eine fromme Mutter, eine Witwe von vielen Jahren, welche Dich in Deiner Kindheit großgezogen und unterrichtet hat. Nach dem Besuche der gallischen Schulen, die sehr geschätzt werden, schickte sie Dich nach Rom. Sie scheute nicht die damit verbundenen hohen Ausgaben und brachte das Opfer, auf Deine Gegenwart verzichten zu müssen, weil ihr des Sohnes Zukunft am Herzen lag. In Rom solltest Du den Reichtum und den Glanz der gallischen Sprache mit der Würde römischer Beredsamkeit 1 würzen. Bei Dir bedurfte es freilich keines Sporns, wohl aber der Zügel, 2 wie wir es auch von den hervorragendsten griechischen Rednern wissen, welche die schwülstige Redeweise der Asiaten durch das attische Salz 3 sozusagen trocken legten und die üppigen Rebschößlinge mit der Schere zurückschnitten. So floß dann die Kelter der Beredsamkeit nicht vom Weinlaub der Worte, sondern von dem ausgepreßten Saft des sinnreichen Inhaltes über. Diese Frau nun achte hoch als Deine Mutter, liebe sie als Deine Erzieherin, verehre in ihr die Heilige! Folge nicht dem Beispiel anderer, die Mutter und Schwestern verlassen und anderen Frauen nachlaufen. 4 Ihre Schande [S. 221] liegt offen zutage, wenn sie auch unter einem religiösen Deckmantel verdächtige Gesellschaft aufsuchen. Ich weiß, daß manche Frauenspersonen reiferen Alters, meist von der lockeren Art, an jungen Männern ihr Gefallen haben und sie als geistige Söhne betreuen möchten. Nach und nach legen sie die Scheu ab, und die vermeintlichen Mütter gehen mit ihnen um wie mit Ehemännern. Andere verlassen ihre jungfräulichen Schwestern und suchen die Gesellschaft fremder Witwen. Es gibt solche, welche gegen ihre Angehörigen eine so große Abneigung zur Schau tragen, daß sie durch keinen Beweis von Zärtlichkeit zu mildern ist. Ihre Ungeduld, für die es keine Entschuldigung gibt, verrät ihre wahre Gesinnung und zerreißt wie ein Spinnengewebe den Schleier, hinter dem sich ihre Unsittlichkeit verbirgt. Du kannst mehr als einen kennenlernen, der die Lenden gürtet, mit dunklem Gewande und langem Barte daherkommt, aber sich nicht von den Frauen trennen kann, mit ihnen unter einem Dache haust, zusammen mit ihnen zu Schmausereien geht, sich von jungen Mädchen bedienen läßt, so daß, abgesehen vom rechtlichen Titel, eine wirkliche Ehe vorliegt. Aber daran ist nicht die christliche Religion schuld, wenn sie als Deckmantel des Lasters mißbraucht wird. Es ist eher eine Beschämung für die Heiden, wenn sie sehen, wie die Kirchen sich gegen das auflehnen, woran alle anständigen Menschen Anstoß nehmen.

1: Tertellian, Apolog. 39 [BKV XXIV 145).
2: Cicero, De orat III 9, 36; Quintilian, Instit. orat. II 8, 11.
3: Gewöhnlich versteht man unter „sal Atticus“ Witz und beißende Reden (vgl. Cicero, De orat. II 54, 217). — Zu dem Gegensatz „Griechen — Asiaten“ (vgl. Quintilian, Instit. orat. XII 10, 16 f).
4: Hieronymus warnt vor dem Agapetentum, das sich in Gallien eingebürgert hatte (vgl. ep. 117 ad matr. et fil. in Gallia).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger