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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
125. An den Mönch Rusticus

20.

Über diese Dinge spreche ich eingehender, um meinen jungen Freund vom Kitzel der Zunge und der Ohren zu befreien. Ich will den in Christus Wiedergeborenen ohne Runzel und Makel gleichsam als eine reine Jungfrau dem Herrn vorstellen, heilig an Geist und Leib. 1 Er soll sich nicht bloß mit dem Namen brüsten, um dann, weil das Öl der guten Werke fehlt, mit erloschener Lampe vom Bräutigam ausgeschlossen zu werden. 2 Du hast in Deiner Heimat den heiligen und wissenschaftlich „hochstehenden Bischof Proculus. 3 Sein lebendiges Wort wird Dir von Mund zu Mund mehr bieten können als meine papierenen Anweisungen. Sein täglicher Unterricht soll Dir Wegweiser sein. Er soll nicht zugeben, daß Du nach der einen oder anderen Seite abschweifst und den königlichen Mittelweg verlassest, den Israel auf dem Zuge ins Land der Verheißung zu gehen gelobt hatte. 4 Möge die bittende Stimme der Kirche Erhörung finden, die da betet: „Herr, gib uns den Frieden; dann hast du uns alles gegeben.“ 5 Möge unsere Weltentsagung eine frei gewählte, keine erzwungene sein! Von uns aus wollen wir uns für die Armut entscheiden und als Lohn die ewige Herrlichkeit [S. 238] ernten; sie soll aber nicht zur aufgenötigten Qual werden. Im übrigen kann angesichts der Not der gegenwärtigen Zeiten, wo überall das Schwert wütet, jeder schon sich reich dünken, dem es nicht am täglichen Brot fehlt, jeder sich als Herr fühlen, der nicht als Sklave verschleppt wird. Der heilige Bischof Exsuperius von Toulouse 6 befolgt das Beispiel der Witwe von Sarepta und hungert selbst, um anderen helfen zu können. 7 Sein vom Fasten gebleichtes Antlitz leidet sehr unter der Not der Mitmenschen. Sein gesamtes Vermögen hat er Christus, dessen Brüder die Hungernden sind, zum Opfer gebracht. Niemand ist reicher als er, der Christi Leib im Weidenkörbchen und sein Blut im Glase trägt. 8 Er hat die Habsucht aus dem Tempel verbannt und ohne Geißel und Scheltworte die Stände der Taubenhändler, welche die Gaben des Hl. Geistes verkauften, und die Geldtische umgeworfen und das Geld der Wechsler auf dem Boden zerstreut, damit das Haus Gottes wieder ein Bethaus, aber keine Räuberhöhle sei. 9 Folge Du in gleicher Weise seinem Beispiele und dem jener anderen, die es ihm in der Tugend gleichtun, die das Priesteramt demütiger und ärmer gemacht hat. Wünschest Du aber vollkommen zu sein, so ziehe mit Abraham fort aus Deiner Heimat und Deiner Verwandtschaft in ein unbekanntes Land! 10 Hast Du Besitz, so verkaufe ihn und schenke den Erlös den Armen! 11 Hast Du keinen, dann bist Du einer großen Sorge enthoben. Folge, selbst entblößt, dem entblößten Heiland nach! Die Aufgabe ist hart, sie ist erhaben und schwierig, aber groß ist auch der Lohn.

1: Eph. 5, 27.
2: Matth. 25, 1 ff.
3: Vgl. S. 214 Anm. 4.
4: Num. 21, 22.
5: Is. 26, 12 (nach LXX).
6: Vgl. ep. 123, 15 ad Geruchiam und S. 210 Anm. 5.
7: 3 Kön. 17, 8 ff.
8: Die kostbaren kirchlichen Gefäße hatte Exsuperius zugunsten der Notleidenden veräußert.
9: Matth. 21, 12 f.
10: Gen. 12, 1.
11: Matth. 19, 21.

 

 

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Einleitung zu den Briefen des Hieronymus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger