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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
125. An den Mönch Rusticus

18.

Laß Dich nicht vom Leichtsinn verführen, Dich allzu voreilig der Schriftstellerei hinzugeben. Lerne erst selbst lange Zeit, was Du lehren willst. Glaube nicht den Lobhudlern und leihe nicht Dein Ohr jenen, die im letzten Grunde Dich ja nur verspotten. Zuerst schmeicheln sie Dir. Wenn sie Dir dann den Kopf verdreht haben, und Du schaust zufällig um, so wirst Du sie dabei ertappen, wie sie wie Störche den Hals einziehen, mit der Hand Eselsohren nachahmen oder wie ein Hund die lechzende Zunge herausstrecken. 1 — Setze niemanden herab und halte Dich nicht schon deshalb für heilig, weil Du andere schlecht machst. Wir beanstanden oft bei anderen, was wir selber tun, und tadeln damit eigentlich in den anderen unter dem Aufwand großer Beredsamkeit uns selbst, Stummen zu vergleichen, die über einen berühmten Redner zu Gericht sitzen. Mit dem Gang einer Schildkröte 2 bewegte sich Grunnius 3 zum Rednerpulte, in Zwischenräumen brachte er einige wenige Worte heraus, so daß Du meinen möchtest, er schluchze mehr als er rede. Trotzdem türmte er auf dem vor ihm stehenden Pulte eine Unmenge von Büchern auf, zog die Augenbrauen zusammen, rümpfte die Nase, furchte die Stirne. Darauf schnalzte er mit zwei Fingern und gab damit seinen Schülern das Zeichen zum Aufpassen. Dann überschüttete er sein Publikum mit reinen Possen und fiel über einzelne Gegner her. Man hätte meinen können, Longinus, 4 der Kritiker und Zensor der [S. 235] römischen Beredsamkeit, habe das Wort, der nach Gutdünken tadelt und aus der Zunft der Gelehrten ausschließt. Da er gut gestellt war, wußte er noch mehr durch seine gastlichen Einladungen zu gefallen. Da war es wohl kein Wunder, wenn er, der viele zu ködern verstand, sich in der Öffentlichkeit, umgeben von einem Troß lärmender Schwätzer, zu zeigen pflegte, innen ein Nero, außen ein Cato. Er war ganz Zwittergestalt, so daß man auf die Vermutung kommen konnte, aus den verschiedensten und widersprechendsten Naturen sei ein Ungeheuer, eine neue Bestie zusammengesetzt worden nach dem Dichterwort: „Vorn Löwe, hinten ein Drache, in der Mitte eine Chimäre.“ 5

1: Persius, Sat. I 58 ff.
2: Plautus, Aulularia 49.
3: Grunnius, wörtlich „der Grunzer“, ist ein Spottname, den Hieronymus wiederholt dem Rufin zulegt (vgl. „cur me lacerant amici mei et adversum silentem crassae sues grunniunt?“ in ep. 119, 11 ad Minervium et Alexandrum).
4: Dionysius Cassius Longinus, 213 n. Chr. zu Athen geboren, verfaßte eine Reihe philosophischer, geschichtlicher, grammatischer und kritischer Schriften, die bis auf kleine Bruchstücke verlorengingen. Wegen seiner Gelehrsamkeit erhielt er den Beinamen Philologus. Als Parteigänger der Königin Zenobia von Palmyra ließ ihn Kaiser Aurelian im Jahre 273 hinrichten.
5: Homer, Il VI 181; Lucretius, De rer. nat. V 905.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger