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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
125. An den Mönch Rusticus

16.

Ich habe auch einige kennengelernt, welche zwar der Welt entsagt hatten, aber es war nur an ihrer Kleidung und ihren Worten zu erkennen. In Wirklichkeit hat sich an ihrer einstigen Lebenshaltung nichts geändert. Ihr Vermögen hat sich eher vermehrt als vermindert. [S. 232] Dienerschaft und Gastereien blieben dieselben. Aus Gläsern und irdenen Schüsseln wird das Gold verpraßt, und inmitten eines Schwarmes von Dienstpersonal maßt man sich den Namen Einsiedler an. Andere sind arm und besitzen nur ein bescheidenes Vermögen, halten sich aber für gelehrte Häuser. Prozessionsbildern ähnelnd ziehen sie über die Straßen, 1 wo sie von ihrer hündischen Schwatzhaftigkeit 2 zum Nachteil anderer reichlich Gebrauch machen. Eine weitere Sorte zieht die Schultern hoch, brummt, Gott weiß was, in sich hinein, stiert zu Boden und ergeht sich in schwülstigen Reden. 3 Es fehlt bloß noch ein Herold, und man könnte meinen, die ganze Präfektur ziehe vorbei. Es gibt auch solche, welche von den feuchten Zellen, vom übertriebenen Fasten, vom Widerwillen gegen die Einsamkeit, vom ununterbrochenen Lesen, indem sie Tag und Nacht nur ihren eigenen Ohren vorpredigen, melancholisch werden. Diesen wären die Rezepte eines Hippokrates 4 nützlicher als meine Mahnungen. Viele können sich auch von ihrem früheren Beruf und ihrem Geschäfte nicht trennen. Sie ändern nur die Firma, aber das Unternehmen geht weiter. Anstatt nach der Vorschrift des Apostels nur nach Lebensunterhalt und Kleidung zu trachten, 5 jagen sie dem Gewinn mit größerem Eifer nach als die Weltleute. Früher hielten die Ädilen, von den Griechen Marktkontrolleure genannt, den Wucher in Schranken und bestraften den jeweils Schuldigen für sein Vergehen. Heute aber wickelt man unter dem Deckmantel der Religion ungerechte Geschäfte ab, und der Ehrenname Christ, der von uns fordert, Unrecht zu dulden, wird immer mehr zum unrechten Handeln missbraucht. Man schämt sich, davon zu reden, aber es muß sein; denn es ist nicht mehr als recht, daß man über seine eigene Schande errötet, [S. 233] wenn man die Hand nach Almosen ausstreckt und das Gold unter Lumpen verbirgt, wenn man wie ein Armer gelebt hat und zum allgemeinen Erstaunen nach dem Tode wohlgespickte Beutel hinterläßt. Wenn Du im Kloster lebst, dann wird Dir so etwas gar nicht in den Sinn kommen. Wozu man Dich anfangs zwingen mußte, das wirst Du mit zunehmender Gewöhnung von Dir aus tun, und es wird Dir eine liebe Arbeit werden. Du wirst Dich von der Vergangenheit losschälen und ständig an Deiner zukünftigen Vervollkommnung arbeiten. 6 Was andere Böses tun, wird Dich nicht kümmern, sondern Du wirst nur fragen, was Du Gutes tun sollst.

1: Cicero, De offic. I 36, 131.
2: Quintilian, Instit. orat. XII 9, 9; Lactantius, Div. instit. VI 18, 26 (CSEL XIX [Brandt] 551).
3: Persius, Sat. V 12; III 80, 82.
4: Vgl. S. 145 Anm. 3.
5: 1 Tim. 6, 8.
6: Phil. 3, 13.

 

 

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Einleitung zu den Briefen des Hieronymus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger