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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
125. An den Mönch Rusticus

1.

Niemand ist glücklicher als ein Christ, da ihm das Himmelreich verheißen ist. Aber auch niemand hat mehr Sorge als ein Christ, da sein Leben täglich von Gefahren umlauert wird. Niemand ist stärker als er, da er den Teufel bezwingt. Aber auch niemand ist schwächer, da er vom Fleische überwunden wird. Für beide Behauptungen gibt es Beispiele die Menge. Der Schächer am Kreuze wird gläubig. Zum Lohne vernimmt er sogleich die Verheißung Christi: „Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ 1 Judas gleitet von der Würde des Apostelamtes in den Abgrund des Verrates. Ihn rührt nicht die Teilnahme am Liebesmahle, nicht der ihm dargebotene Bissen, noch der Freundschaftskuß, so daß er wie einen Menschen den verrät, 2 von dem er wußte, daß er Gottes Sohn ist. Wer etwa verdiente größere Verachtung als die Samariterin? Aber es war ihr nicht genug, allein zum Glauben zu kommen. Als sie, die sechs Männer gehabt, den einen Herrn gefunden und am Brunnen als den Messias erkannt hatte, von dem das jüdische Volk im Tempel nichts wissen wollte, vermittelte sie vielen das Heil. Während die Apostel Speise kaufen, labt sie den Durstenden und erfrischt den ermüdeten Heiland. 3 Wer war weiser als Salomon? Trotzdem betört ihn die Liebe zu den Frauen. 4 Das Salz ist etwas Gutes, 5 und kein Opfer wird angenommen, das nicht mit Salz bestreut ist. 6 Darum befiehlt auch der Apostel: „Eure Rede sei mit Salz gewürzt.“ 7 Wird aber das Salz schal, dann wirft man es [S. 217] fort. So sehr verliert es den Inhalt seines Namens daß es nicht einmal für den Düngerhaufen zu verwerten ist, 8 mit dem man die Fluren der Gläubigen zu düngen und den unfruchtbaren Boden der Seelen fett zu machen pflegt. All dies sage ich, um Dich, mein Sohn Rusticus, von vornherein darauf hinzuweisen, daß Du ein wichtiges Werk unternommen hast und hohen Zielen zustrebst Du willst die Lockungen der Jugend und der beginnenden Mannbarkeit bändigen und die hohe Stufe des vollkommenen Lebens ersteigen. Aber der Weg, den Du beschreitest, ist gefahrvoll. Der Ruhm, der dem Siege winkt, wiegt die Schande nach dem Falle nicht auf.

1: Luk. 23, 43.
2: Matth. 26, 21 ff.
3: Joh. 4, 5 ff.
4: 3 Kön. 11, 1 ff.
5: Mark. 9, 49; Luk. 14, 34.
6: Lev. 2, 13.
7: Kol. 4, 6.
8: Luk. 14, 34 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger