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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
123. An Geruchia über die einmalige Ehe

8.

Sollte eine vornehme Dame die Keuschheit preisgeben, welche die Frauen der Barbaren selbst in der Gefangenschaft unter allen Umständen retteten? Sollte sie sich an einen zweiten Mann binden und sich so gegen Gottes Willen auflehnen, nachdem sie ihren ersten guten Mann verloren oder gar schlimme Erfahrungen mit ihm gemacht hat? Wenn sie dann bald darauf den zweiten verliert, soll sie sich etwa einen dritten erküren, und wenn dieser stirbt, einem vierten und fünften ihre Hand reichen, so daß zwischen ihr und einer Buhlerin kein Unterschied mehr besteht? Mit aller Sorgfalt muß eine Witwe darauf achten, daß sie sich vor dem ersten Schritt ins Gebiet jenseits der Keuschheit hütet. Wenn sie die Grenze überschreitet und sich in ihrer fraulichen Würde etwas vergibt, dann wird sie sich bald in jeglicher Schamlosigkeit austoben, so daß man ihr das Wort des Propheten vorhalten kann: „Dein Gesicht ist das einer Buhlerin. Schamlos bist du geworden.“ 1 Was nun? Verurteile ich etwa eine zweite Ehe? Keineswegs. Ich zolle bloß denen meine besondere Anerkennung, die nur einmal heiraten. Stoße ich etwa jemanden aus der Kirche aus, weil er eine zweite Ehe eingeht? Weit gefehlt! Aber ich ermahne jene, die einmal verheiratet waren, zur Enthaltsamkeit. In der Arche Noes waren nicht nur reine, sondern auch unreine Tiere. 2 Sie faßte Menschen, sie faßte aber auch Schlangen. In einem großen Haushalte gibt es die verschiedensten Gefäße, [S. 199] Gefäße der Ehre, aber auch der Unehre. 3 Es gibt einen Mischkrug zum Trinken, und es gibt ein Geschirr für die verborgenen natürlichen Bedürfnisse. Das Evangelium lehrt, daß die auf guten Boden gestreute Saat hundert-, sechzig- und dreißigfältige Frucht bringt. 4 An erster Stelle kommt als Krone der Keuschheit die hundertfältige Frucht. Die an zweiter Stelle genannte sechzigfältige Frucht weist hin auf die Beschwerden des Witwenstandes. Die Zahl dreißig, die man durch eine Verflechtung der Finger andeutet, bezeichnet das eheliche Band. 5 Was für eine Zahl bleibt denn da noch für die zweite Ehe übrig? Sie steht also außerhalb jeder Berechnung. Sicherlich gedeiht sie nicht auf dem guten Erdreich, sondern zwischen dem Dorngestrüpp, 6 in dem sich die Füchse, die mit dem gottlosen Herodes verglichen werden, 7 aufhalten. Das einzige Lob, auf das eine Frau, die zum zweiten Male heiratet, Anspruch erheben kann, besteht darin, daß sie eine Stufe über den Dirnen steht, daß sie einen Vorzug hat vor den Opfern der öffentlichen Unzucht, wenn sie sich nur einem Manne schenkt und nicht mehreren.

1: Jer. 3, 3.
2: Gen. 7, 8.
3: 2 Tim. 2, 20.
4: Matth. 13, 8.
5: Über die Art und Weise, wie die Alten gewisse Zahlen durch die Fingerstellung ausdrückten s. Adv. Jov. I 3 (M PL XXIII 223 f.); ep. 49 (48), 2 ad Pammachium.
6: Matth. 13, 8. 7.
7: Luk. 13, 32.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger