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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
123. An Geruchia über die einmalige Ehe

16.

Ich will nicht weiter klagen, es könnte sonst den Anschein erwecken, als wollte ich an Gottes Güte zweifeln. Seit geraumer Zeit waren wir vom Schwarzen Meer bis zu den Julischen Alpen nicht mehr Herren des uns gehörigen Gebietes. Nachdem die Feinde die Donau, den uns schützenden Damm, überschritten hatten, wurde dreißig Jahre lang im Herzen des römischen Reiches Krieg geführt. Die lange Dauer des Unglücks hat unsere Tränen versiegen lassen. Außer Greisen waren alle in den Tagen feindlicher Besetzung und Belagerung geboren, so daß sie kein Verlangen nach einer Freiheit empfanden, die sie nie gekannt hatten. Wer sollte es für möglich halten? Welches Geschichtswerk wird es in angemessener Sprache der Nachwelt überliefern? Rom mußte innerhalb seiner Grenzen kämpfen, nicht zur Mehrung seines Ruhmes, sondern zur Rettung seiner Existenz. Nein, es kämpft nicht einmal mehr, sondern es erkauft sich mit Gold und seinem gesamten Besitze das Leben. 1 Nicht durch die Schuld unserer Kaiser, 2 die streng gottesfürchtig sind, kam es so, sondern durch die Treulosigkeit eines halbbarbarischen Verräters, 3 der mit unseren Reichtümern unsere [S. 212] Feinde gegen uns bewaffnete. Mit ewiger Schande hat sich damals das römische Reich bedeckt, als die Gallier alles verwüsteten und Brennus seinen Einzug in Rom hielt, nachdem er unser Heer an der Allia entscheidend geschlagen hatte. 4 Und diese alte Schande konnte es nicht eher abwaschen, bis es Gallien, die Heimat der Gallier, und Galatien, wo sich die Bezwinger des Abend- und des Morgenlandes angesiedelt hatten, unter seine Herrschaft brachte. Hannibal, der einem Sturmwind gleich aus Spanien heranfegte, verwüstete Italien und sah die Hauptstadt vor sich liegen. Aber er wagte es nicht, sie zu belagern. 5 Pyrrhus hatte eine solche Hochachtung vor dem Namen Rom, daß er trotz seiner siegreichen Kämpfe sich von Rom entfernte, vor dessen Toren er stand. 6 Obwohl Sieger, hat er es nicht gewagt, in die Stadt einzuziehen, die er als die Stadt der Könige kennengelernt hatte. Aber für dieses Unrecht, um nicht zu sagen für diesen Übermut, traf sie die Strafe, und die Sache nahm ein gutes Ende. Der eine, zum Flüchtling geworden in der ganzen Welt, fand in Bithynien den Tod durch Gift. Der andere fiel nach der Rückkehr in die Heimat in seinem Reiche. 7 Beider Provinzen sind dem römischen Reiche zinspflichtig geworden. Aber heute könnten wir, selbst wenn alles glücklich ausgeht, den besiegten Feinden nur abnehmen, was wir einmal an sie verloren haben. Ein begeisterter Dichter wollte uns einen Begriff von Roms Macht geben, als er schrieb: „Was kann den befriedigen, dem Rom zu wenig dünkt?“ 8

Ich will diesen Ausruf durch einen anderen ersetzen:
„Was kann dann noch heil bleiben, wenn Rom untergeht?“
Hätt’ ich der Zungen und Sprachen auch tausend und eherne Stimme,
[S. 213] Nie vermöcht ich zu nennen die Namen all’ der Gefangenen,
Die Namen der Helden und Dulder, die dahingesunken im Tode. 9

Und was ich gesagt habe, ist gefährlich sowohl für den der es hört, als auch für den, der es sagt. Läßt man uns doch nicht einmal die Freiheit zu klagen. Und selbst, wenn wir es wollten, fehlt es uns an Mut, unser trauriges Los zu beweinen.

1: Rom kaufte sich von der Belagerung durch Alarich (408) unter schweren Opfern los.
2: Arkadius und Honorius.
3: Stilicho, der den Römern geraten hatte, sich von der Belagerung durch Alarich loszukaufen. Ob er die Rolle eines Verräters gespielt hat, ist zweifelhaft.
4: 390 v. Chr.
5: „Hannibal ante portas“ (211 v. Chr.).
6: 280 v. Chr. bei Herakleia, 279 bei Asculum.
7: 272 v. Chr. in der Schlacht bei Argos.
8: Lucanus, Pharsalia V 274.
9: Nach Vergil, Aen. VI 625 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger