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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
123. An Geruchia über die einmalige Ehe

14.

Hüte Dich vor dem Verkehr mit jungen Frauen! Werde nicht zu vertraut mit denen, um derentwillen der Apostel die zweite Ehe gestattet. Du könntest sonst bei ruhiger See von einem Schiffbruch überrascht werden. Wenn der Apostel an Timotheus die Mahnung richtet: „Meide die jüngeren Witwen“ und weiter: „Liebe die älteren Frauen wie Mütter und die jüngeren wie Schwestern in aller Keuschheit“, 1 warum solltest Du da meine Mahnungen in den Wind schlagen? Meide den Verkehr mit solchen Personen, deren Umgang nicht über jeden Verdacht erhaben ist! Komme mir nicht mit der trivialen Ausrede: „Mir genügt mein reines Gewissen. Ich kümmere mich nicht um das, was die Menschen reden.“ 2 Der Apostel Paulus war darauf bedacht, recht zu handeln, nicht bloß vor Gott, sondern auch in den Augen der Menschen, damit nicht durch seine Schuld der Name Gottes unter den Heiden zuschanden käme. 3 Sicherlich hatte er das Recht, Frauen als seine Schwestern im Herrn mit sich zu führen, 4 aber er wollte sich nicht dem Urteil der Ungläubigen aussetzen. Wenn er auch vom Evangelium hätte leben können, so wollte er doch lieber Tag und Nacht arbeiten, um keinem Gläubigen zur Last zu fallen. 5 Er sagt: „Wenn eine Speise meinem Bruder Anstoß gibt, so will ich in Ewigkeit kein Fleisch essen.“ 6 Deshalb wollen auch wir sagen: „Wenn jene [S. 208] Schwester oder jener Bruder nicht dem einen oder dem anderen, sondern der ganzen Kirche zum Ärgernis gereicht, dann will ich nichts mehr von diesem Bruder oder dieser Schwester wissen.“ Es ist besser, daß das Vermögen Schaden leidet, als daß die Seele zugrunde geht. Es ist besser, daß wir das verlieren, was, ob wir wollen oder nicht, nun einmal dem Untergang geweiht ist, als das, wofür man altes opfern muß. Wer von uns kann denn seiner Körperlänge, ich will gar nicht von einer Elle sprechen, was ganz enorm wäre, nur den zehnten Teil einer winzigen Unze hinzufügen? 7 Und da sorgen wir uns um das, was wir essen oder trinken? Denken wir doch nicht an morgen! Jedem Tage seine Plage. 8 Als Jakob vor seinem Bruder floh, ließ er im Hause seines Vaters große Reichtümer zurück und begab sich, bar jeglichen Besitzes, nach Mesopotamien. Um uns ein Beispiel seiner Entschlossenheit zu geben, legte er sein Haupt auf einem Stein, den er unterschob, zur Ruhe nieder. Er sah die bis zum Himmel reichende Leiter, auf der der Herr stand, während Engel an ihr auf und nieder stiegen, damit der Sünder nicht an seiner Rettung verzweifle und der Gerechte nicht zu sehr auf seine Tugend baue. Doch ich will es kurz machen und die angezogenen Stellen nicht nach allen Seiten hin ausdeuten. Nach zwanzig Jahren kehrte Jakob als reicher Herr und noch reicher an Kindersegen mit drei Herdenhaufen in die Heimat zurück, nachdem er einst den Jordan nur mit einem Stabe überschritten hatte; 9 Die Apostel, die in der ganzen Welt umherreisten, hatten keinen Pfennig im Gürtel, keinen Stab in der Hand und keine Schuhe an den Füßen, 10 und doch konnten sie von sich sagen: „Wir haben zwar nichts, aber wir besitzen alles.“ 11 Oder: „Gold und Silber besitzen wir nicht, aber was wir haben, wollen wir dir geben: Im Namen Jesu Christi des Nazareners [S. 209] stehe auf und gehe umher!“ 12 Sie waren nicht mit der Bürde des Reichtums beschwert. Mit Elias konnten sie deshalb im Felsspalt aufrecht stehen, durch das enge Nadelöhr hindurchgehen und den Herrn von rückwärts sehen. 13 Wir aber brennen vor Habsucht, und wärend wir gegen den Reichtum reden, sind wir erpicht auf Gold. Nie haben wir genug. Mit Recht könnte man auf uns Unselige anwenden, was man von den Einwohnern von Megara sagt: „Sie bauen, als ob sie ewig leben würden, und leben, als ob sie am folgenden Tage sterben müßten.“ 14 Und so handeln wir, weil wir den Worten des Herrn nicht glauben. Haben wir das Alter, das wir uns alle wünschen, erreicht, dann rechnen wir nicht mit der Nähe des Todes, der dann nach den Gesetzen der Natur uns Sterblichen sich ankündigt, sondern aus trügerischer Hoffnung versprechen wir uns noch eine Reihe von Jahren. Niemand hält seine Kräfte für so hinfällig und seinen Zustand trotz des hohen Alters für so gebrechlich, daß er nicht noch wenigstens ein Jährlein zu leben hofft. So vergißt der Mensch dann ganz, daß er ein aus Staub gebildetes Lebewesen ist, das schon im nächsten Augenblick seiner Auflösung entgegensehen muß, vielmehr verfällt er dem Hochmut und hält sich für ein himmlisches Wesen.

1: 1 Tim. 5, 11. 2.
2: Cicero, Ep. ad Att XII 28, 2.
3: Röm. 12, 17; 2 24.
4: 1 Kor. 9, 5. Vgl. Tertullian, De monog.8 (BKV XXIV 494 f.).
5: 1 Thess. 2,9. Vgl. Tertullian, De exhort. cast. 8 (BKV VII 339).
6: 1 Kor. 8, 13.
7: Matth. 6, 27; Luk. 12, 25.
8: Matth. 6, 25. 31. 34; Luk. 12, 22. 29.
9: Gen. 28—32.
10: Matth. 10, 9 f.
11: 2 Kor. 6, 10.
12: Apg. 3, 6.
13: 3 Kön. 19, 9 in Verbindung mit Exod. 33, 22 f.; Matth. 19, 24.
14: Tertullian, Apol. 39 (BKV XXIV 145).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger