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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
123. An Geruchia über die einmalige Ehe

13.

Wie in einer kurzen geographischen Übersicht habe ich die weite Ausdehnung der Länder zeigen wollen, um dann zu anderen Fragen überzugehen. Zuerst möchte ich den Rat Annas anführen: 1

Allein und ungeliebt Willst du verblühn,
den Kummer ewig nähren?
Die Wonne, die aus holden Kindern lacht,
Der Venus süße Freuden dir versagen?
Nach solchen Opfern, meinst du,
fragen Die Toten in des Abgrunds Nacht? 2

Hierauf gab die vom Leid heimgesuchte Königin kurz zur Antwort: Du, Schwester, gäbest mich Dem Feinde preis,
von meinem Flehn bestochen. Könnt ich nicht schuldlos,
von Begierden rein,
[S. 206] Nicht frei von Hymens Band mich meines Lebens freun?
Mein Wort hab ich, Sychaeus, dir gebrochen,
Geschworen deinem heiligen Gebein. 3

Du sprichst mir von den Annehmlichkeiten des Ehelebens, ich hingegen rede nur von Scheiterhaufen, Schwert und Feuer. Das Gute, das wir aus der Ehe erhoffen, wiegt das Schlimme nicht auf, das aus ihr entstehen kann und ständig zu fürchten ist. Ist der Begierlichkeit Genüge geschehen, bleibt immer ein bitterer Nachgeschmack. Sie läßt sich nicht sättigen, und scheint sie erloschen, dann flammt sie von neuem auf. Im Augenblicke des Genusses wächst sie an und schwindet gleich wieder dahin. Ohne auf die Stimme der Vernunft zu hören, wird sie beherrscht vom leidenschaftlichen Drang. „Aber“, könntest Du einwenden, „der große Reichtum und die Verwaltung des Vermögens erfordern die Anwesenheit eines Mannes“. 4 Ja sind denn die Häuser der Ledigen zugrunde gegangen? Kannst Du Deinen Hausstand nur dann leiten, wenn Du mit Deinem Dienstpersonal selbst zur Dienerin wirst? Stehen Großmutter, Mutter und Tante im Witwenstande nicht im alten Ansehen, ja genießen sie nicht noch höhere Achtung, wie man aus der Behandlung ersehen kann, welche die ganze Provinz und die Fürsten der Kirche ihnen zukommen lassen? Können etwa Soldaten und Leute ohne festen Wohnsitz, wenn sie ohne Frau sind, ihren kleinen Haushalt nicht in Ordnung halten? Laden sie nicht zu Gaste und werden sie nicht wieder eingeladen? Kannst Du Dir keine Diener halten, deren Alter jeden Verdacht ausschließt, keine Freigelassenen, in deren Armen Du groß wurdest? Sie können Dein Haus verwalten, den Verkehr nach außen hin aufrecht halten und die Steuern zahlen. 5 Sie mögen Dich als ihre Herrin betrachten, sie mögen Dich lieben wie ihr Pflegekind, sie mögen Dich verehren wie [S. 207] eine Heilige. Suche zuerst das Reich Gottes, und alles andere wird Dir hinzugegeben werden. 6 Wenn Du Dich um die Kleidung sorgst, dann denke an die Lilien des Evangeliums! Mühst Du Dich um die Nahrung, dann schaue auf die Vögel, die weder säen noch ernten und doch erhält sie Dein himmlischer Vater. 7 Wie viele Jungfrauen und Witwen haben ihr bißchen Hab und Gut verwaltet, ohne daß ihr guter Ruf darunter gelitten hat?

1: Anna gab ihrer Schwester Dido nach dem Tode ihres Gatten Sychaeus, der von ihrem Bruder Pygmalion ermordet worden war, den Rat, sich wieder zu verehelichen. Um der Liebe zu Jarbas zu entfliehen, stürzt sie sich in den Scheiterhaufen.
2: Vergil, Aen. IV 32 ff (nach Schiller).
3: Vergil, Aen. IV 548 ff., (nach Schiller).
4: Vgl. Tertullian, De monog. 16 (BKV XXIV 517).
5: Tertullian, De exhort, cast VII 12 (BKV VII 343).
6: Matth. 6, 33.
7: Ebd. 6, 28. 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger