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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
123. An Geruchia über die einmalige Ehe

12.

Gewiß haben sich die Patriarchen nicht mit einer Frau begnügt, sondern sie hatten auch möglichst viele [S. 203] Nebenfrauen. 1 Von David heißt es sogar, daß er viele und von Salomon, daß er unzählige Frauen sein eigen nannte. 2 Judas geht zu Thamar ein wie zu einer Dirne. 3 Nach dem tötenden Buchstaben verbindet sich Osee nicht nur mit einer Buhlerin, sondern sogar mit einer Ehebrecherin. 4 Wenn uns dieses Recht auch zustehen sollte, dann möchten wir wohl kurzerhand nach allen Frauen wiehern, bis uns nach dem Beispiele von Sodoma und Gomorrha der Todestag überrascht über dem Kaufen und Verkaufen, über dem zur Ehe nehmen und zur Ehe geben, 5 so daß wir nicht aufhören zu heiraten, bis das Ende des Lebens sich einstellt. 6 Wenn der Satz: „Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde“ 7 vor und nach der Sintflut seine Bedeutung hatte, was geht er uns an, über die das Ende der Zeiten hereingebrochen ist? 8 Uns gilt nur das Wort: „Die Zeit ist kurz. 9 Die Axt ist bereits an die Wurzel der Bäume gelegt, 10 welche den Wald des Gesetzes und der Ehe durch die Keuschheit des Evangeliums umlegt. Es gibt eine Zeit, sich zu umarmen, und eine Zeit, auf Umarmung zu verzichten.“ 11 Jeremias wird angesichts der drohenden Gefangenschaft untersagt, eine Frau zu nehmen. 12 Ezechiel spricht in Babylon: „Tot ist meine Gattin. Geöffnet wurde mein Mund.“ 13 Weder der eine, der heiraten will, noch der andere, der verheiratet war, kann, solange das Eheband besteht, sein Prophetenamt unbehindert ausüben. Einst sah man darin eine Anerkennung, wenn auf jemanden das Wort paßte: „Deine Kinder rund um deinen Tisch sind wie junge Ölbäume.“ Oder: „Mögest du schauen die Kinder deiner Kinder!“ 14 Heute hat nur das Wort [S. 204] Bedeutung, das von den Enthaltsamen gilt: „Wer dem Herrn anhängt, ist mit ihm eines Sinnes.“ 15 Oder: „Meine Seele hat sich Dir angeschlossen, Deine Rechte hat mich erfasst.“ 16 Damals hieß es: „Auge um Auge.“ 17 Jetzt bieten wir dem, der uns auf die eine Wange schlägt, auch die andere. 18 In jener Zeit sagte man den Kämpfern: „Gürte das Schwert um deine Hüften, Mächtiger!“ 19 Im neuen Bunde vernimmt Petrus die Worte: „Stecke dein Schwert in die Scheide! Denn wer mit dem Schwerte schlägt, wird durch das Schwert umkommen.“ 20 Wenn ich so spreche, so trenne ich nicht mit dem Betrüger Marcion 21 das Gesetz vom Evangelium, sondern in beiden Testamenten erkenne ich einen und denselben Gott an, der je nach der Verschiedenheit der Zeiten und Umstände für Anfang und Ende sät, um zu ernten, anbaut, um zu mähen, das Fundament legt, um das Gebäude nach seiner Vollendung mit der Kuppel zu krönen. Wenn wir übrigens die Geheimnisse lüften und die Vorbilder zukünftiger Zeiten betrachten wollen, nicht etwa nach unserer Auffassung, sondern wie der Apostel Paulus es uns zeigt, so weisen Hagar und Sara, der Berg Sinai und der Berg Sion auf die beiden Testamente hin. 22 Die triefäugige Lia und Rachel, Jakobs Lieblingsfrau, 23 bedeuten die Synagoge und die Kirche. Deren Vorbild ist auch die anfangs unfruchtbare Anna, die später Phenenna an Fruchtbarkeit überragt. 24

Aber auch im Alten Bunde finden wir die Einehe, z.B. bei Isaak und Rebekka. Sie allein erhielt über die bevorstehende Geburt ihrer Kinder eine göttliche Offenbarung. Unter allen Frauen hat außer ihr keine von sich aus Gott um Rat gefragt. 25 Was soll ich von Thamar reden, [S. 205] die den Zwillingen Zara und Phares das Leben schenkte? Bei ihrer Geburt zerriß die Wand und trennte zwei Völker. Der rote Faden, den man um die Hand band, 26 belud schon damals das Gewissen der Juden mit dem Blute Christi. Ich könnte auch noch die Dirne anführen, welche der Prophet Osee zum Weibe nahm. 27 Sie ist ein Bild der aus der Heidenwelt geschaffenen Kirche. Vielleicht aber entspricht es dem Sinn der Stelle besser, diese Frau auf die Synagoge zu beziehen, welche zuerst von Abraham und Moses aus dem Götzendienste herausgehoben wurde, die dann nach ihrem Ehebruche und der Ablehnung des Erlösers lange ohne Altar, ohne Priester und ohne Propheten dasaß, voller Sehnsucht nach der Rückkehr ihres ersten Gatten, damit ganz Israel Rettung finde, nachdem die Vollzahl der Heiden Einlaß gefunden hat. 28

1: Vgl. Tertullian, Ad uxorem I 2 (BKV VII 63).
2: 2 Kön. 5, 13; 3 Kön, 11, 3.
3: Gen. 38, 15 ff.
4: Osee 1 2.
5: Matth. 24, 38.
6: Vgl. Tertullian, De monog. 16 (BKV XXIV 517); Ad uxorem I 5 (BKV VII 68).
7: Gen. 1, 28.
8: 1 Kor. 10, 11.
9: Ebd. 7,29. Vgl. Tertullian, De exhort. cast. 6 (BKV VII 335).
10: Matth. 3, 10.
11: Ekkle. 3, 5.
12: Jer. 16, 2.
13: Ezech. 24, 18.
14: Ps. 127, 3. 6.
15: 1 Kor. 6, 17.
16: Ps. 62, 9.
17: Matth.5, 38 f. Vgl. Tertullian, De exhort. cast. 6 (BKV VII 336).
18: Matth. 5, 39.
19: Ps. 44, 4.
20: Matth. 26, 52.
21: Der Gnostiker Marcion (2. Jahrh.) lehnte das Alte Testament ab.
22: Gal. 4, 21 ff.
23: Gen. 29, 17 f.
24: 1 Kön. 1, 2 f.; 2, 21.
25: Gen. 25, 23. 22.
26: Gen. 38, 27 ff.
27: Osee 1, 2.
28: Ezech. 16; Rom. 11, 25 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger