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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
123. An Geruchia über die einmalige Ehe

10.

Daher, teure Tochter in Christus, beschwöre ich Dich, kümmere Dich nicht um die Schriftstellen, die den Unenthaltsamen und Schwachen entgegenkommen. Lies vielmehr immer wieder jene, welche die Keuschheit verherrlichen. Es sei Dir genug, daß Du die höchste Stufe der Jungfräulichkeit verloren hast und über die dritte Stufe zur zweiten gelangt bist, d.h. vom Ehestande zu einem enthaltsamen Witwenleben. Denke aber nicht an die letzte, bereits verlassene Stufe! Sieh Dich nicht nach fremden und weit abliegenden Vorbildern um! Du hast ja Deine Großmutter, Deine Mutter und Deine Tante. Du befolgst die wahre Norm der Tugenden, wenn Du Dich eifrig nach ihrem Beispiele, ihrer Lehre und ihren Anweisungen fürs Leben richtest. Viele, die verheiratet sind und ihre Männer noch besitzen, verstehen das Wort des Apostels: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist von Nutzen“, 1 und leben enthaltsam um des Himmelreiches willen, 2 sei es infolge einer nach empfangener Taufe, [S. 201] unserer Wiedergeburt, getroffenen gegenseitigen Abmachung, sei es infolge einer frommen Entschließung gleich nach vollzogener Vermählung. 3 Soll da nicht eine Witwe die nach Gottes Ratschluß ihren Mann verloren hat, mit einem freudigen Unterton sprechen: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen?“ 4 Soll sie nicht gern die Gelegenheit ausnützen, welche ihr die Freiheit zurückgibt, welche sie zur Herrin über ihren Leib macht und sie davor bewahrt, erneut die Magd eines Mannes zu sein? Sicherlich kostet es mehr Überwindung, auf den Genuß dessen zu verzichten, was man hat, als sich nach dem zu sehnen, was einem verlorenging. 5 Deshalb ist auch die Jungfräulichkeit insofern besser daran, als ihr die Reize des Fleisches fremd geblieben sind. Im Witwenstand aber hat man mehr zu kämpfen, weil die Erinnerung an frühere Freuden immer wieder auflebt. Dies trifft besonders dann zu, wenn die Witwe sich nur dem schmerzlichen Gedanken des Verlustes hingibt, ohne an den Trost zu denken, daß der Gatte ihr in die Ewigkeit vorangegangen ist.

1: 1 Kor. 6, 12.
2: Matth. 19, 12.
3: Tertullian, Ad uxorem I 6 (BKV VII 69).
4: Job 1, 21.
5: Tertullian, Ad uxorem 1 6. 7 (BKV VII 69 f.).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger