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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
58. An den Priester Paulinus

2.

Auch Du hast das Wort des Erlösers vernommen: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen, und dann komme und folge mir nach!“ 1 Diese Worte setzest Du in die Tat um, und nackt folgst Du dem nackten Kreuze, damit Du leichter und weniger behindert die Jakobsleiter hinaufsteigen kannst. 2 Tunika und Gesinnung hast Du gewechselt. Du gehst nicht darauf aus, bei vollem Beutel aus den Falten des Mönchskleides die Eitelkeit herausblicken zu lassen. Vielmehr suchst Du mit reinen Händen und lauterm Herzen den Ruhm der Armut im Geiste 3 und in der Tat Dir zu sichern. Es ist nichts Großes, in einem traurigen und fahlen Gesichte das Fasten öffentlich zur Schau zu tragen oder gar zu heucheln, die Einkünfte seines Besitzes zu verprassen und mit einem verschlissenen Mäntelchen zu protzen. Krates aus Theben, 4 einst ein ungewöhnlich reicher Mann, kam nach Athen, um sich dort philosophischen Studien zu widmen. 5 Da er glaubte, man könne nicht Tugend und Reichtum zugleich besitzen, warf er die große Goldlast von sich. Dürfen wir da schwerbeladen mit Gold dem armen Christus nachfolgen und unter dem Vorwand des Almosens alles daransetzen, um unsere Schätze zu vermehren? Wie können wir je fremdes Gut gewissenhaft verteilen, wenn wir das unsere so furchtsam verwahren? Bei vollem Magen kann man leicht vom Fasten reden. Man verdient noch keine Anerkennung, wenn man in Jerusalem gewesen ist, sondern erst dann, wenn man in Jerusalem gut gelebt hat. Die Stadt Jerusalem, die man aufsuchen soll, ist nicht jene, welche die Propheten getötet 6 und das Blut Christi getrunken hat, sondern jene, [S. 174] die des Stromes Wucht ergötzt, 7 die auf dem Berge liegend nicht verborgen bleiben kann, 8 die der Apostel die Mutter der Heiligen nennt, 9 in der mit den Gerechten Bürgerrecht zu besitzen 10 ihm Freude macht.

1: Matth. 19, 21.
2: Gen. 28, 12.
3: Matth. 5, 3.
4: Ein Kyniker (4. Jahrh. v. Chr.), Schüler des Diogenes und Lehrer Zenons. Seine Gattin Hipparchia teilte mit ihm das freigewählte Bettlerleben (Philostratos, vita Apollomii I 13; Diogenes Laertios VI 88).
5: Cicero, Pro Murena 5, 12.
6: Matth. 23, 37; Luk. 13, 34.
7: Ps. 45, 5.
8: Matth. 5, 14.
9: Gal. 4, 26.
10: Phil. 3, 20 (Vulg. conversatio; griech. πολίτευμα).

 

 

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Einleitung zu den Briefen des Hieronymus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger