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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
52. An den Priester Nepotian

8.

Wenn Du in der Kirche predigst, dann sollst Du nicht nach dem Beifall der Menge haschen, sondern bei den Zuhörern eine reumütige Gesinnung erwecken. Die Tränen der Gläubigen sollen Dein Lob sein. Das Wort des Priesters soll die Würze der Schrift offenbaren. Du sollst kein Deklamator sein, auch kein geschwätziger Zungendrescher, hinter dessen Worten nichts steckt. Vielmehr soll sich heilige Wissenschaft und Vertrautheit mit den Geheimnissen Deines Gottes in Deiner Predigt kundtun. Überlassen wir es den Ungebildeten, mit leeren Worten um sich zu werfen und durch Zungenfertigkeit die Bewunderung des unerfahrenen Volkes auf sich zu lenken. Eine leider nicht seltene Anmaßung bedeutet es, das zu erklären, was man selbst nicht [S. 138] versteht; und am Ende hält man sich selbst für ein Licht, wenn man anderen etwas weisgemacht hat. Ich hatte meinen einstigen Lehrer Gregor von Nazianz einmal gebeten mir die Bedeutung des Ausdruckes sabbatum δευτερόπρωτον bei Lukas 1 zu erklären. Mit feinem Spott antwortete er: „Hierüber werde ich Dich in der Kirche unterrichten. Wenn mir dort das ganze Volk Beifall spendet, dann wirst Du gegen Deinen Willen gezwungen sein, zu wissen, was Du tatsächlich nicht weißt. Oder Du wirst allein schweigen und von allen für einen Dummkopf angesehen werden.“ 2 Nichts ist leichter, als das einfache Volk und eine schlichte Versammlung durch einen Schwall von Worten zu täuschen; denn je weniger sie an sachlichem Verständnis aufbringt, um so mehr wächst die Bewunderung. Merke Dir, wie Markus Tullius, von dem so treffend gesagt wurde: „Demosthenes hat dir die Ehre, der erste Redner zu sein, vorweggenommen, du aber hast ihm die Ehre, der einzige Redner zu sein, geraubt“, 3 in seiner Rede für Quintus Gallius 4 sich über die Volksgunst und über das unerfahrene Theaterpublikum 5 äußert: „In dieser Art theatralischer Aufführungen 6 tat sich irgendein Dichter, ein in der [S. 139] Literatur äußerst bewanderter Mann, 7 der die bekannten Tischgespräche zwischen Dichtern und Philosophen verfaßt hat, in denen er Euripides und Menander oder Sokrates und Epikur 8 sich miteinander unterhalten läßt, owohl sie zeitlich nicht etwa Jahre, sondern Jahrhunderte voneinander getrennt sind, ganz besonders hervor. Gewaltig war der Beifall und der stürmische Zuruf, die er entfesselte. Und warum? Weil seine zahlreichen Verehrer im Theater von der Literatur durchwegs keine Ahnung hatten.“ 9

1: Luk. 6, 1.
2: Hieronymus war 380 nach Konstantinopel gekommen, wo er Gregors Hörer wurde. Wenn Gr. I 178 f. von „gelehrter Charlatanerie“ spricht, die Hieronymus seinem Lehrer recht übel genommen habe, so hat er die Stelle mißverstanden. Gregor tadelt vielmehr diese Methode („eleganter lusit“) und gesteht seine Unkenntnis ein.
3: Unbekanntes Zitat.
4: Die verlorengegangene Rede Pro Qu. Gallio wird, ab gesehen von einem kurzen Fragment bei Nonius, nur an dieser Stelle erwähnt.
5: “deimperitis concionatoribus“. Zu der Übersetzung „Theaterpublikum“ vgl. Hauler (Wiener Studien 1905 [XXVII], 96).
6: “His autem ludis.“ Nach Hauler (a. a. O. 95) sind diese ludi Spiele theatralischer Art. Es dürfte sich um den in Rom zur Zeit des Prozesses (64 v. Chr.) volkstümlichen Mimus handeln.
7: Das Lob ist sarkastisch aufzufassen (vgl. Hauler a. a. 0. 96). Hauler vermutet mit guten Gründen, daß Publilius Syrus, den Plinius als mimicae scaenae conditor bezeichnet, hier gemeint ist. Cicero nennt die Mimenspiele convivia (συμπόσια) poetarum ac philosophorum, da sie auf lustige Darstellungen von Götterfesten und Gelagen als ihren Ursprung zurückgehen und unter Anlehnung äußerlicher an die griechische philosophische Symposienliteratur mit mehr oder weniger derbem Spott über die Philosophen und ihre Schulen herziehen (vgl. Hauler a. a. O. 96 ff.).
8: Euripides, Tragiker aus Athen (480—401 v. Chr.); Menander (341—290 v. Chr.), Komödiendichter aus Athen. Epikur lebte 341—270, Sokrates 470—399 v. Chr.
9: Hilberg hat das Verdienst, allem Widerspruch zum Trotz diese Stelle als Zitat ans Ciceros Galliana einwandfrei nachgewiesen zu haben (vgl. Wiener Studien XXVII [1905] 93 f.).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger