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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
22. An Eustochium

29.

Ein gerissener Feind kämpft mit allerhand Listen. Die Schlange war klüger als alle Tiere, welche Gott der Herr auf der Erde erschaffen hatte. 1 Darum schreibt auch der Apostel: „Wir kennen ihre Schlauheit.“ 2 Für die Christen ziemt sich weder gesuchte Unsauberkeit, noch übertriebene Reinlichkeit. Ist Dir etwas unverständlich, kannst Du nicht fertig werden mit einer Schriftstelle, dann hole Dir Rats bei jemand, den sein Lebenswandel empfiehlt, der wegen seines Alters über jeden Verdacht erhaben ist, der in gutem Leumund steht. Er muß sagen können; „Ich habe euch einem einzigen Manne verlobt, um euch Christus als eine reine Braut zuzuführen.“ 3 Findet sich kein solcher, der die Schwierigkeit beheben könnte, dann ist es besser, etwas nicht zu wissen, aber ungefährdet zu bleiben, als belehrt zu werden und dabei ins Verderben zu stürzen. Denke daran, daß Du zwischen Fallstricken wandelst! 4 Viele durch Keuschheit langbewährte Jungfrauen ließen sogar an der Schwelle des Todes die ihnen sichere Krone ihren Händen entgleiten. Sollten sich Mädchen dienenden Standes Deiner Lebensweise anschließen, dann erhebe Dich nicht über sie und wirf Dich nicht zur Herrin auf! Ihr habt einen gemeinsamen Bräutigam, ihr betet zusammen zu Christus, ihr empfanget miteinander seinen Leib, warum sollt ihr nicht an einem Tisch essen? 5 Andere sollen doch auch Lust an Eurem Berufe bekommen. Es soll den Jungfrauen eine Ehre sein, anderen Anregung zu geben. Bemerkst Du, daß eine im Glauben unsicher wird, dann nimm Dich ihrer an, tröste sie, rede ihr gut zu und mache Dir ein Verdienst daraus, sie für die Keuschheit gewonnen zu haben. Wenn sich aber eine verstellt, nur um den Mühseligkeiten des Ehestandes zu [S. 99] entgehen, dann halte ihr ganz offen das Wort des Apostels vor: „Es ist besser, zu heiraten als zu brennen.“ 6 Aber solche Jungfrauen und Witwen, die müßig und neugierig in den Häusern der vornehmen Frauen herumschnüffeln, 7 deren Unverschämtheit die der Parasiten in den Komödien weit hinter sich läßt, halte von Dir fern wie die Pest! Schlechte Reden verderben gute Sitten. 8 Sie kennen keine andere Sorge als die für den Bauch und für das, was dem Bauche am nächsten ist. Diese Sorte gibt Ermahnungen etwa folgender Art: „Mein Liebchen, genieße doch deinen Reichtum und lebe, solange du lebst! Hast du etwa für deine Kinder zu sparen?“ Dem Weine hingegeben und geilen Sinnes hecken sie alles Böse aus und sind imstande, selbst einen ehernen Willen weichlichen Genüssen gefügig zu machen. Und wenn sie Christus zuwider in Üppigkeit verfallen sind, wollen sie heiraten und verfallen dem Urteil, weil sie die erste Treue gebrochen haben. 9

Gehe nicht darauf aus, für eine Beherrscherin der Kunst der Rede zu gelten oder vergnüglich Dich in lyrischen Liedern und im Spiel der Verse zu versuchen! Ahme nicht die weichliche und kraftlose Ziererei jener Damen nach, die bald mit zusammengepreßten Zähnen, bald mit auseinandergespreizten Lippen sprechen und mit ihrer stotternden Zunge nur halbe Worte herausbringen, weil sie jede natürliche Sprechweise für bäuerisch halten. Es macht ihnen Spaß, selbst die Sprache zu notzüchtigen. „Was haben Licht und Finsternis miteinander gemein, welche Übereinstimmung besteht zwischen Christus und Belial?“ 10 Was hat Horaz mit dem Psalterium zu tun, was Maro mit den Evangelien, was Cicero mit den Aposteln? Wird Dein Bruder nicht Ärgernis nehmen, wenn er Dich an einem Götzenaltare trifft? 11 Mag auch den Reinen alles rein sein, mag nichts zu verschmähen sein, was man mit Danksagung [S. 100] genießt, 12 immerhin können wir nicht zu gleicher Zeit den Kelch Christi und den Kelch der Dämonen trinken. 13 Dies möge eine unglückliche Episode aus meinem Leben näher erläutern.

1: Gen. 3, 1.
2: 2 Kor. 2, 11.
3: Ebd. 11, 2.
4: Eccli. 9, 20.
5: Während bisher die aszetischen Kreise in Rom die Standesunterschiede aufrechterhalten haben, bemüht sich Hieronymus, diese aufzuheben, wie er es in der Chalkis und in Ägypten kennengelernt hatte. (Vgl. Gr. I 259 f.)
6: 1 Kor. 7, 9.
7: 1 Tim. 5, 13.
8: 1 Kor. 15, 33.
9: 1 Tim. 5, 11 f.
10: 2 Kor. 6, 14 f.
11: 1 Kor. 8, 10.
12: Tit. 1, 15; 1 Tim. 4, 4.
13: 1 Kor. 10, 20.

 

 

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Einleitung zu den Briefen des Hieronymus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger