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Hieronymus († 420) - Briefe
I. Briefe familiären Charakters
68. An Castricianus

1.

Mein ehrwürdiger Sohn, der Diakon Heraklius, hat mir erzählt, daß Du den Wunsch hattest, mich zu besuchen, aber nur bis Cissa gekommen bist. Du, ein Pannonier, eine Landratte also, schrecktest vor den Stürmen der Adria nicht zurück und fürchtetest Dich nicht vor den Gefahren des Ägäischen und Jonischen Meeres. Hätte Dich die gewissenhafte Besorgnis der Brüder nicht zurückgehalten, dann hättest Du den Willen in die Tat umgesetzt. Ich spreche Dir meinen Dank aus und nehme die Absicht für die Tat hin. Unter Freunden kommt es nicht auf die Sache, sondern auf den guten Willen an. Die Sache selbst kann man oft von seinen Feinden erhalten, der gute Wille jedoch hat die Liebe zur Voraussetzung. Dann bitte ich Dich, setze Dir doch nicht in den Kopf, daß Dein körperliches Leiden eine Folge der Sünde ist. In solchen Gedankengängen bewegten sich auch die Apostel, als sie den Herrn und Heiland über den Blindgeborenen befragten: „Wer hat denn gesündigt, daß er so wurde, er oder seine Eltern?“ Die Antwort lautete: „Weder er, noch seine Eltern. Vielmehr sollten sich an ihm die Werke Gottes offenbaren.“ 1 Wie oft sehen wir Heiden, Juden, Irrlehrer und Anhänger der verschiedensten Religionen, die sich im Unflat der Leidenschaften wälzen, von Blut triefen, an Wildheit die Wölfe und an Raubgier die Geier übertreffen, ohne daß sich Gottes Zuchtrute ihren Zelten naht. 2 Wo andere heimgesucht werden, bleiben sie straflos. Deshalb empören sie sich in ihrem Übermute gegen Gott und schleudern ihre Lästerworte bis zum Himmel. 3 Hingegen kennen wir heilige Menschen, welche von Krankheit, Elend und Dürftigkeit gequält werden, die vielleicht sprechen: „Umsonst habe ich meine Seele geheiligt und unter den Unschuldigen meine Hände gewaschen.“ Aber sofort fügen sie, sich selbst zurechtweisend hinzu: „Wenn ich so spreche, dann habe ich das Geschlecht Deiner Söhne verworfen.“ 4 Wenn Du die Ursache Deiner Erblindung [S. 56] in der Sünde suchst und eine Krankheit, welche die Ärzte nicht selten heilen können, auf Gottes Zorn zurückführst, dann verdächtigst Du damit auch Isaak, der so sehr am Sehen behindert war, daß er sich täuschen ließ und segnete, wen er nicht segnen wollte. 5 Du bringst Jakob in ein schiefes Licht, dessen Augen nachgelassen hatten, so daß er Ephraim und Manasses nicht unterscheiden konnte, während sein geistiges Auge und sein prophetischer Blick in die ferne Zukunft schauten und den aus königlichem Sproß stammenden Messias vorausverkündeten. 6 Welcher König war heiliger als Josias? Der Dolch eines Ägypters traf ihn tödlich. 7 Wer steht über Petrus und Paulus? Sie haben Neros Schwert mit ihrem Blute gerötet. Hat nicht der Sohn Gottes, um von Menschen zu schweigen, die Schmach des Kreuzes auf sich genommen? Und Du preisest die selig, welche das Glück dieser Welt und ihre Freuden genießen? Die größte Strafe für die Sünder ist es, wenn der Zorn des Herrn sie nicht trifft. Deshalb spricht er im Buche Ezechiel zu Jerusalem; „Ich will dir nicht zürnen, und mein Interesse wendet sich ab von dir.“ Wen der Herr liebt, den züchtigt er. Er sucht jeden heim, den er an Kindes Statt annimmt. 8 Der Vater unterweist nur, wen er liebt. Der Lehrer straft nur den Schüler, der zu lebhaften Geistes ist. Stellt der Arzt seine Fürsorge ein, dann weiß er keinen Rat mehr. Wenn es an dem ist, wirst Du antworten: „Wie Lazarus in seinem Leben Schlimmes erduldet hat, 9 so will auch ich bereitwillig die Leiden auf mich nehmen, um in die ewige Herrlichkeit einzugehen“ — denn der Herr wird dieselbe Sünde nicht zwiefach strafen. 10 Warum Job, ein unter seinen Zeitgenossen heiliger, makelloser und gerechter Mann, 11 so vieles dulden mußte, liest man am besten in dem nach ihm benannten Buche nach.

[S. 57]

1: Joh. 9, 2 f.
2: Ps. 90, 10.
3: Ebd. 72, 9.
4: Ebd. 72, 13. 15.
5: Gen. 27, 1. 22 ff.
6: Ebd. 48, 10 ff.; 49,10 ff.
7: 4 Kön. 22, 2; 23, 29.
8: Ezech. 16, 42; Sprichw. 3, 12; Hebr. 12, 6.
9: Luk. 16, 25.
10: Nah. 1, 9 (nach LXX).
11: Job 1, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger