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Hieronymus († 420) - Briefe
I. Briefe familiären Charakters
43. An Marcella

2.

Haben wir, die Diener des Fleisches, je so gehandelt? Lesen wir in die zweite Stunde hinein, dann fangen [S. 47] wir an zu gähnen, reiben mit der Hand das Gesicht, greifen nach dem Magen und zerstreuen uns wieder mit weltlichen Dingen, wie wenn wir eine gewaltige Anstrengung hinter uns hatten. Ich übergehe die Gastmähler, welche den Geist belasten und niederdrücken. Ich schäme mich, von den häufigen Besuchen zu reden; denn Tag um Tag gehen wir zu anderen oder erwarten diese bei uns. Dabei kommt man ins Geplauder, führt müßige Reden, fällt über die Abwesenden her, hechelt ihre Lebensweise durch, und wir zehren einander auf, indem wir uns gegenseitig beißen. 1 Unter solchen üblen Gesprächen geht man zu Tisch und erhebt man sich wieder von der Mahlzeit. Haben sich die Freunde entfernt, dann geht die Rechnerei los. Schließlich wird man wütend wie ein Löwe und macht sich überflüssige Sorgen um die Zukunft auf viele Jahre hinaus. Aber an das Wort des Evangeliums, das da lautet: „Tor, in dieser Nacht wird man dein Leben von dir fordern. Wem wird dann gehören, was du zusammengerafft hast?“ 2 denken wir nicht. Man begnügt sich keineswegs mit der notwendigen Kleidung, sondern die Modefrage gehört mit zur Unterhaltung und Zerstreuung. Wo ein Vorteil herausschaut, macht man sich sofort auf den Weg, spart kein Wort und spitzt die Ohren. Erfährt man von einem Verlust, wie er öfters im Haushalte vorkommt, dann läßt man vor Traurigkeit den Kopf hängen. Ein gewonnener Pfennig macht uns glücklich, ein verlorener Groschen macht uns betrübt. Weil nun das Bild der Seele im gleichen Menschen so verschieden erscheint, deshalb bittet auch der Prophet den Herrn; „Entferne, o Herr, ihr Bild aus deiner Stadt!“ 3 Obwohl wir nach Gottes Bild und Gleichnis erschaffen sind, 4 spielen wir in unseren Sünden die mannigfaltigsten Rollen. Wie auf der Bühne ein und derselbe Schauspieler bald als strammer Herkules auftritt, bald wie ein Weichling im Kult der Venus sich aufreibt, bald wie ein Priester der Kybele [S. 48] in Ekstase gerät, 5 so spielen auch wir, die die Welt hassen würde, wenn wir nicht von der Welt wären, 6 mit jeder Sünde eine neue Rolle.

1: Gal. 5, 15.
2: Luk. 12, 20.
3: Ps. 72, 20.
4: Gen. 1, 26.
5: Die Göttermutter Kybele wurde in Kleinasien zur lebenspendenden Göttin der Natur (Heiligtum zu Pessinus in Galatien). An ihrem großen Feste zu Anfang des Frühlings gab man sich bei Musik unter blutiger Selbstverstümmelung rasendem Schmerze und ausgelassener Freude hin.
6: Joh. 15, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger