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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierundzwanzigste und letzte Unterredung, welche die des Abtes Abraham ist über die Abtödtung.

9. Abtödtung des Abtes Apollo.

Damit ihr nun die Größe eurer Kräfte in passender Schätzung nach einem sichern Richtpunkte messen könnt, will ich euch kurz die That eines Greises, nemlich des Abtes Apollo, mittheilen, und wenn dann die innerste Prüfung eures Herzens entscheidet, daß ihr nicht zu sehr unter dem Streben und der Kraft dieses Mannes stehet, so mögt ihr ohne Verlust eures Fortschrittes und ohne Gefahr eures Berufes euch erlauben, im Vaterlande zu wohnen und nahe [S. 397] bei den Verwandten zu sein. Ihr könnt dann sicher hoffen, daß die strenge Selbsterniedrigung, welche euch in unserer Provinz nicht nur euer Wille, sondern auch der Druck der Fremde abzwingt, von der Verwandtenliebe und der Annehmlichkeit der Gegend nicht wird überwunden werden. Zu dem genannten Greise also kam in stürmischer Nacht sein Bruder mit der Bitte, er möge doch ein Wenig aus seinem Kloster herausgehen und ihm helfen, einen Ochsen, der, wie er weinend klagte, fern im Sumpfkothe stecken geblieben war, herauszuziehen, da er ihn allein durchaus nicht heraus bringe. Als er nun auf seiner Bitte beharrte, sprach der Abt Apollo zu ihm: „Warum hast du denn unsern jüngern Bruder, den du am Vorbeiwege näher hattest als mich, nicht gebeten?“ Da glaubte Jener, er habe den Tod des längst begrabenen Bruders vergessen und sei durch die zu lange Enthaltsamkeit und Einsamkeit gleichsam geistesschwach geworden, und antwortete: „Wie konnte ich Den, der schon vor fünfzehn Jahren starb, aus dem Grabe rufen?“ Aber der Abt Apollo sprach: „Weißt du also nicht, daß auch ich schon vor zwanzig Jahren für diese Welt gestorben bin und dir aus dem Grabe dieser Zelle heraus keine Hilfe in Dingen leisten kann, welche den Zustand des gegenwärtigen Lebens betreffen? So wenig erlaubt mir Christus auch nur einen Augenblick zum Herausziehen deines Ochsens von dem Eifer der einmal ergriffenen Abtödtung nachzulassen, daß er auch nicht die kürzeste Pause für das Begräbniß des Vaters bewilligte, dessen Vollzug doch sicher in kürzester Zeit, und mit mehr Anstand und Frömmigkeit geschehen konnte.“ 1 Durchforschet also jetzt die geheimen Fallen eures Herzens und urtheilet klug, ob auch ihr beständig eine solche Geistesstrenge gegenüber euern Verwandten bewahren könntet. Und wenn ihr euch in dieser innern Abtödtung ihm ähnlich fühlet, dann erst wisset, daß auch euch die Nähe der Eltern und Brüder nicht mehr [S. 398] gefährlich sein werde; denn ihr werdet dann glauben, daß ihr für dieselben, so nah sie euch sind, gleichsam todt seid, so daß ihr weder Jene an euerm Troste sich weiden, noch euch durch deren Hilfeleistungen schlaff werden lasset.

1: Abt Apollo. Siehe 2. Unterred. 13.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger