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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierundzwanzigste und letzte Unterredung, welche die des Abtes Abraham ist über die Abtödtung.

25. Welchen Nutzen uns die Versuchungen bringen.

Wer immer nun wahrhaft der Welt entsagt, das Joch Christi auf sich genommen und durch tägliche Beleidigungen geübt und unterrichtet von ihm gelernt hat, daß er sanft ist und demüthig von Herzen, der wird in allen Versuchungen immer unerschüttert bleiben, und Alles wird ihm zum Guten mitwirken. Denn die Worte Gottes sind nach dem Propheten Abdias „gut mit Jenem, der recht wandelt“; 1 und wieder: 2 „Die da recht sind, sind die Wege des Herrn, [S. 419] und die Gerechten wandeln auf ihnen, die Ungetreuen aber stürzen darauf zusammen.“ Es hat also die so wohlwollende Gnade des Erlösers uns durch den Kampf der Versuchungen einen größern Lobesgewinn verschafft, als wenn sie alle Kampfesnoth von uns genommen hätte. Denn es ist eine höhere und vortrefflichere Tugend, mitten in Leidenschaften und Plagen immer unerschüttert zu sein und, wenn Alles gegen Einen wüthet, doch sicher zu bleiben in Betreff des göttlichen Schutzes und unverzagt, oder gleichsam umgürtet mit den Waffen unbesiegter Tugend bei den Angriffen der Menschen ruhmreich zu triumphiren über die Ungeduld und gewissermaßen aus der Schwäche Kraft zu erwerben, weil die Kraft in der Schwäche vollkommen wird. „Denn siehe,“ spricht der Herr, 3 „ich mache dich heute zur ehernen Säule und zur ehernen Mauer wider das ganze Land, gegen die Könige und Fürsten und alles Volk des Landes; sie werden wider dich kämpfen und nicht obsiegen, weil ich mit dir bin, um dich zu retten, spricht der Herr.“ Also nach der wahren Lehre des Herrn ist der königliche Weg süß und leicht, obwohl er rauh und hart für unser Gefühl erscheint. Denn wenn die frommen und treuen Diener das Joch des Herrn auf sich genommen und von ihm gelernt haben, daß er sanftmüthig ist und demüthig von Herzen, so werden sie, durch die Hilfe des Herrn nach Ablegung der Last irdischer Leidenschaften gewissermaßen nicht Mühe, sondern Ruhe finden für ihre Seelen, wie er selbst bezeugt hat, indem er durch den Propheten Jeremias sagt: 4 „Stehet still auf den Wegen und schauet und fraget über die Pfade der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt auf ihm, und ihr werdet Erquickung finden für eure Seelen.“ Sogleich nemlich wird ihnen das Krumme gerade und das Rauhe zu ebenem Wege werden, und sie werden kosten und schauen, wie süß der Herr sei, da sie Christum im Evangelium werden sagen hören: „Kommet Alle zu mir, die ihr [S. 420] mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken!“ Wenn sie dann die Last der Sünden abgelegt haben, werden sie einsehen, was folgt: „Denn mein Joch ist sanft, und meine Bürde ist leicht.“ Es hat also der Weg des Herrn etwas Erquickendes, wenn er nach seiner Vorschrift eingehalten wird. Aber wir sind es, welche sich durch wirre Zerstreuungen Schmerz und Qual bereiten, da wir lieber die Wege dieser Welt gehen wollen, selbst mit der größten Gefahr und Schwierigkeit. Wenn wir uns aber auf diese Art das Joch des Herrn schwer und hart gemacht haben, da klagen wir nun mit gotteslästerischem Geiste entweder über die Härte und Rauhheit des Joches oder Christi selbst, der es auslegt nach jener Stelle: 5 „Die Thorheit des Mannes verderbt seine Wege, Gott aber klagt er an in seinem Herzen.“ Oder wenn wir nach dem Propheten Aggäus sprechen: 6 „Der Weg des Herrn ist nicht recht,“ so wird uns passend vom Herrn geantwortet: „Ist etwa mein Weg nicht recht? Sind nicht vielmehr eure Wege die schlechten?“ Und in der That, wenn du sie vergleichen willst, die glänzende Blüthe der Jungfräulichkeit, die süß duftende Reinheit der Keuschheit mit den schwarzen, stinkenden Pfützen der Lüste; die Ruhe und Sicherheit der Mönche mit den Gefahren und Mühen, in welche die Leute dieser Welt verwickelt sind; die Ruhe unserer Armuth mit den nagenden Betrübnissen und schlafraubenden Sorgen der Reichen, in welchen sie sich nicht ohne sehr große Lebensgefahr Tag und Nacht verzehren: so werdet ihr sehr leicht bewährt finden, daß das Joch Christi sehr sanft und seine Bürde sehr leicht ist.

1: Mich. 2, 7. Der Greis citirt irrig den Abdias.
2: Ose. 14, 10.
3: Jerem. 1, 18.
4: Jerem. 6, 16.
5: Sprüchw. 19, 3.
6: Die Stelle steht aber bei Ezech. 18, 25. 29.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger