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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierundzwanzigste und letzte Unterredung, welche die des Abtes Abraham ist über die Abtödtung.

24. Warum das Joch des Herrn als bitter und als schwere Last empfunden werde.

Daß uns aber im Gegentheile das Joch Christi nicht [S. 416] leicht und süß erscheint, das ist mit mehr Recht unserer Hartnäckigkeit zuzuschreiben, da wir durch Mangel an Glauben und Vertrauen niedergeschlagen sind und mit thörichter Verkehrtheit gegen den Befehl oder vielmehr Rath Desjenigen ankämpfen, der da sagt: „Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe oder gib auf all das Deine und komm und folge mir!“ Wir halten nemlich die Gegenstände des irdischen Reichthums zurück, und wenn nun der Teufel unser Gemüth durch diese Fesseln gebunden hält, was kann da Anderes kommen, als daß, sobald er uns von den geistigen Freuden entfernen will, er uns durch die Verminderung oder Wegnahme jener betrübt macht? Er strebt in seinem schlauen Betrug dahin, daß, sobald uns die Süßigkeit und Leichtigkeit dieses Joches durch die Verkehrtheit der lasterhaften Begierlichkeit schwer gemacht ist, wir gerade durch die Bande des Vermögens und Reichthums, den wir uns zu Trost und Ruhe aufbewahren, gehemmt werden und er uns immer mit den Ängsten zeitlicher Sorgen quälen kann, indem er aus uns selbst den Stoff zu unserer Marter nimmt. „Denn mit den Stricken seiner Sünden wird ein Jeder gebunden“, 1 wie er vom Propheten hört : 2 „Siehe, ihr alle, die ihr Feuer anzündet, mit Flammen umgürtet wandelt ihr im Lichte eures Feuers und in den Flammen, die ihr angezündet habt.“ Wird ja auch nach dem Zeugnisse Salomons Jeder durch Das bestraft, worin er gesündigt hat.“ 3 Denn gerade die Lüste, welche wir genießen, sind uns zur Qual, und die Ergötzungen und Süßigkeiten dieses Leibes wenden sich wie Peiniger gegen ihren Urheber. So wird nothwendig Derjenige, welcher sich auf die frühern Schätze und Reichthümer stützt, nicht die ganze Demüthigung des Herzens, nicht die volle Abtödtung der schädlichen Neigungen auf sich nehmen. Wenn wir mit dem Schutze dieser Tugenden ausgerüstet sind, werden alle Ängste dieses Lebens und alle Verluste, welche der [S. 417] Feind uns zufügen kann, nicht nur ganz geduldig, sondern auch als angenehm ertragen; wenn wir aber hierin ausgelassen sind, so wächst eine so gefährliche Überhebung auf, daß wir selbst wegen der leichtesten Schmähung von tödtlichen Wunden der Ungeduld getroffen werden und uns das Wort des Propheten Jeremias gilt: 4 „Und nun, was willst du mit dem Wege Ägyptens, um trübes Wasser zu trinken? Und dann, was willst du mit dem Wege der Assyrer, um das Wasser des Stromes zu trinken? Anklagen wird dich deine Bosheit, und schmähen wird dich dein Abfall. Wisse und schaue, wie böse und bitter es ist, daß du den Herrn deinen Gott verlassen hast, und daß meine Furcht nicht in dir ist, spricht der Herr.“ Wenn also die wunderbare Süßigkeit des göttlichen Joches als bitter empfunden wird, was Anderes ist dann der Grund, als daß die Bitterkeit unseres Abfalles jene verderbt hat? Wenn die so liebliche Leichtigkeit der göttlichen Last erschwert wird, woher kommt es, als davon, daß wir Jenen mit hartnäckiger Anmaßung verachten, von welchem wir gehalten wurden? Bezeugt doch Ebendieses die Schrift klar, da sie sagt: 5 „Denn wenn sie gerade Wege wandeln würden, so hätten sie sicher die Wege der Gerechtigkeit als leicht befunden.“ Wir sage ich, ja wir sind es offenbar, welche die geraden und leichten Wege des Herrn mit dem harten Felsgestein verkehrter Begierden rauh machen; die den königlichen Weg, der durch apostolischen und prophetischen Steingrund gefestigt und durch die Fußspuren aller Heiligen und des Herrn selbst geebnet ist, in vollem Wahnsinn verlassen, um den Abwegen und Gestrüppen nachzulaufen; die ferner, von den Reizen der gegenwärtigen Lüste verblendet, durch dunkle, von den Dornen der [S. 418] Laster erschwerte Pfade hinkriechen, mit zerfleischten Beinen und zerissenem hochzeitlichem Kleide, in Gefahr, nicht nur von den scharfen Stacheln der Dornbüsche erfaßt, sondern auch von den Bissen der dort verborgenen giftigen Schlangen und Skorpione verwundet zu werden. Denn 6 „Stacheln und Schlingen sind auf den verkehrten Wegen; wer aber den Herrn fürchtet, bleibt frei davon.“ Von Solchen sagt der Herr auch an einem andern Ort: 7 „Mein Volk hat meiner vergessen; vergebens opfern und straucheln sie auf ihren Wegen, auf den Pfaden der Vorzeit, um auf diesen den ungebahnten Weg zu wandeln.“ Denn nach dem Ausspruche Salomons sind die Wege der Unthätigen bestreut mit Dornen, die der Starken aber sind gebahnt.“ 8 So von dem königlichen Wege abweichen können sie nicht zu jener Hauptstadt gelangen, nach welcher unser Lauf fortwährend ohne Schwanken gerichtet sein muß. Das drückt auch der Prediger bezeichnend genug aus, da er sagt: 9 „Thoren-Mühe quält Jene, welche nicht in die Stadt zu gehen wissen,“ nemlich in jenes himmlische Jerusalem, welches die Mutter von uns allen ist.

1: Sprüchw. 5, 22.
2: Is. 50, 11.
3: Weish. 11, 17.
4: Jerem. 2, 18. 19. Der Strom schlechthin ist der Euphrat, und die Israeliten suchten bald durch Bündnisse mit Aegypten (Nil), bald mit Assyrien sich zu helfen und verließen den einzigen Helfer, Gott!
5: Sprüchw. 2, 20. Steht nur in der LXX, in der Vulgata ist Nichts davon zu finden.
6: Sprüchw. 22, 5.
7: Jerem. 18, 15.
8: Sprüchw. 15, 19.
9: Pred. 10, 15.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger