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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierundzwanzigste und letzte Unterredung, welche die des Abtes Abraham ist über die Abtödtung.

19. Antwort, Gott wolle, daß auch die in den abgelegensten Einöden verborgenen vollkommenen Männer von den Menschen besucht werden.

Abraham: Es ist ein Zeichen einer unvernünftigen, unüberlegten Strenge oder vielmehr der größten Schlaffheit, niemals von Menschen besucht werden zu wollen. Denn wenn Einer auf diesem Wege, den er ergriffen hat, mit zu lässigem Schritte einhergeht, und nach dem frühern Menschen wandelt, so ist es ja billig, daß zu ihm Niemand, ich will nicht sagen von den Heiligen, sondern selbst von den andern Menschen komme. Wenn ihr aber von wahrer und vollkommener Liebe zu unserm Herrn brennet und mit voller Geistesglut nach Gott, der wahrhaft die Liebe ist, strebet: so wöget ihr an was immer für unzugängliche Orte fliehen, sie werden doch notwendig von den Menschen besucht werden; und je näher euch die Inbrunst der göttlichen Liebe zu Gott gebracht hat, eine desto größere Menge hei- [S. 411] liger Brüder wird bei euch zusammenströmen. Denn nach dem Ausspruche des Herrn 1 „kann eine Stadt, die auf dem Berge liegt, nicht verborgen bleiben,“ „weil ich Diejenigen, spricht der Herr, die mich lieben, verherrlichen werde; die mich aber verachten, werden zu Schanden.“ 2 Ihr müßt aber wissen, die feinste Schlauheit des Teufels und die verborgenste Grube, in welche er die Armseligen und Unvorsichtigen stürzt, sei die, daß er ihnen mit dem Versprechen größerer Dinge den nothwendigen Nutzen der täglichen Frucht hinwegstiehlt. Er überredet sie nemlich, man müsse verborgenere und ödere Einsiedeleien aufsuchen, malt dieselben in ihrem Geiste aus, als wären sie voll wunderbarer Genüsse, und spiegelt ganz unbekannte und nirgends befindliche Orte als bekannte und bereitstehende vor, die schon in unserer Macht wären und ohne jede Schwierigkeit in Besitz könnten genommen werden. Dann lügt er vor, daß die Menschen jener Gegend leicht zu behandeln und nach dem Heilswege strebend seien, um so diebisch den gegenwärtigen Gewinn zu vereiteln, während er dort der Seele reichere Frucht verspricht. Denn es wird Jeder, der sich durch solch eitle Hoffnungen von dem heilsamen Vereine der Altväter trennen ließ und nun um Alles, was er sich vergeblich in seinem Innern ausgemalt hatte, betrogen ist, wie aus tiefer Schlaftrunkenheit aufstehen und nach dem Erwachen Nichts von Dem finden, was er geträumt hatte. Es wird ihn also der Teufel noch ärger in die Bedrängnisse dieses Lebens und in unentwirrbare Schlingen verstricken und ihn für Das, was er sich selbst versprochen hatte, nie zu Athem kommen lassen. Er wird ihn nicht mehr mit jenen seltenen und geistlichen Besuchen der Brüder, die er vorher vermieden hatte, belästigen, sondern mit dem täglichen Andrang der Weltleute und ihn nie, auch nur zu einem bischen Einsiedlerruhe und Ordnung zurückkehren lassen.

1: Matth. 5, 14.
2: I. Kön. 2, 30.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger