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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

21. Daß wir trotz der Erkenntniß, nicht ohne Sünde zu sein, uns dennoch die göttliche Communion nicht versagen dürfen.

Sehr Vieles entdeckt also der reinere Blick, schmerzlichern Tadel bereitet sich ein tadelloses Leben, und das Seufzen und Schluchzen wird vermehrt durch die Besserung der Sitten und die eifrige Nachahmung der Tugenden. Denn Niemand kann mit der Stufe, auf die er im Fortschreiten gelangte, zufrieden sein, und je mehr Jemand im Geiste gereinigt wurde, um so schmutziger sieht er sich und findet mehr Grund zur Demuth als zur Überhebung. Je rascher Einer zur Höhe strebt, desto mehr sieht er, wie viel ihm noch zu erreichen übrig sei. Ferner that jener ausgezeichnete Apostel, den Jesus liebte und an seiner Brust liegen ließ, wie aus dem Herzen des Herrn heraus, diesen Ausspruch: 1 „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Wenn wir also sagen, daß wir keine Sünde ha- [S. 384] ben was richten wir da Anderes aus, als daß wir die Wahrheit d. i. Christum, nicht in uns haben und uns so aus Sündern zu Lasterhaften und Gottlosen stempeln? Wenn es endlich Einem am Herzen liegt, genauer zu erforschen, ob für die menschliche Natur τό ἀναμάρτητον, d. i. die Sündelosigkeit möglich sei, von wem können wir Dieß deutlicher lernen, als von Jenen, welche ihr Fleisch sammt seinen Lastern und Begierden gekreuzigt haben, und denen die Welt wahrhaft gekreuzigt ist? Wenn Diese nicht nur alle Laster mit der Wurzel aus ihren Herzen gerissen haben, sondern nun auch versuchen, Erinnerungen und Gedanken der Sünden auszuschließen, so gestehen sie doch jeden Tag getreulich ein, daß sie auch nicht eine Stunde frei seien von Sündenmakel. Wir müssen jedoch deßhalb, weil wir uns als Sünder erkennen, uns nicht vom Tische des Herrn verbannen, sondern zu demselben mehr und mehr wegen der Heilung der Seele und der Reinigung des Geistes mit Begierde hineilen, aber mit solcher Demuth des Geistes und solchem Glauben, daß wir uns des Empfanges einer so großen Gnade unwürdig halten und mehr nur die Mittel für unsere Wunden suchen. Sonst darf man sich nicht einmal die jährliche Communion mit Recht herausnehmen, wie einige Klosterleute thun, welche die den himmlischen Geheimnissen entsprechende Würdigkeit, Heiligkeit und Verdientheit so bemessen, daß sie glauben, dieselben seien nur Heiligen und Unbefleckten gestattet, statt daß sie uns vielmehr durch ihren Empfang heilig und rein machen. Wahrhaftig diese fallen in eine viel größere Keckheit der Anmaßung, als sie zu vermeiden wähnen, weil sie dann, wenn sie dieselben genießen, sich dieses Genusses sogar würdig halten. Denn es ist viel gerechter, daß wir uns an den einzelnen Sonntagen diese hochheiligen Geheimnisse zur Abhilfe in unsern Krankheiten erlauben, mit jener Demuth des Herzens, in der wir glauben und bekennen, dieselben nie durch unser Verdienst erlangen zu können: als in eitler Überredung und Aufgeblasenheit des Herzens sich, wenn auch erst nach einem Jahre dieser Gemeinschaft würdig zu >s385> erachten. Damit wir also Dieß einsehen und mit Nutzen bewahren können, wollen wir die Barmherzigkeit des Herrn eifriger anflehen, uns zu diesem Gewinne zu verhelfen, weil diese Dinge durchaus nicht wie die übrigen menschlichen Künste durch ein vorausgehendes Verständnis von Worten, sondern vielmehr durch die vorhergebende That und Erfahrung gelernt werden. Wenn sie aber nicht durch die Unterredungen geistlicher Männer häufig erforscht und bearbeitet, und durch Beweise und tägliche Erfahrung sorgfältig angefacht werden, so werden sie entweder durch die Sorglosigkeit veralten, oder durch träge Vergessenheit zu Grunde gehen.

1: I. Joh. 1, 8.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger