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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zweiundzwanzigste Unterredung, welche die zweite des Abtes Monas ist, über die nächtlichen Bethörungen.

10. Daß allein der Sohn Gottes den Versucher ohne jede Sündenwunde besiegt habe.

Er wurde also ähnlich wie wir zuerst in dem Laster der Eßlust versucht, so daß jene schlaue Schlange in derselben Reihenfolge, in welcher sie einst den Adam verführt hatte, ihn bei seinem Hunger durch das Verlangen nach [S. 340] Speise zu betrügen suchte mit der Anrede: „Wenn du der Sohn Gottes bist, so sprich daß diese Steine Brod werden.“ Aber der Herr zog sich aus dieser Versuchung keine Sünde zu und verschmähte, 1 obwohl ihm die unbezweifelte Macht zu Gebote stand, die Speise, welche ihm der Meister in der Verführung zumuthete, mit den Worten: 2 „Der Mensch lebt nicht allein vom Brode, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Er wurde auch, ähnlich wie wir, zur Eitelkeit versucht, da ihm gesagt wurde: „Wenn du der Sohn Gottes bist, so stürze dich hinab“! Aber er wurde durch die hinterlistige Eingebung des Teufels nicht gefangen und schlug den wahnwitzigen Verführer gleichfalls mit Entgegenhaltung der Schriften, indem er sprach: 3 „Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen“! Weiter wurde er gemäß der Ähnlichkeit mit uns zu der Aufgeblasenheit des Hochmuthes versucht, da ihm vom Teufel alle Reiche der Welt mit ihrer Herrlichkeit versprochen wurden. Aber verhöhnt und gestraft wurde die Bosheit des Verführers, denn er antwortete ihm: 4 „Weiche zurück, Satan, denn es steht geschrieben: Den Herrn deinen Gott sollst du anbeten und ihm allein dienen.“ Durch diese Zeugnisse nun werden wir belehrt, daß auch wir den betrügerischen Zuflüsterungen des Feindes in ähnlicher Weise mit dem Ansehen der hl. Schriften Widerstand leisten sollen. Wieder wurde er nach unserer Weise durch Hochmuth versucht, da eben derselbe Meister der Arglist ihm das Reich, welches der Herr auf seinen Antrag bin zurückgewiesen hatte, durch Menschen wollte zubringen lassen; aber ohne Sünde spottete er der Nachstellungen des Verführers. Denn als Jesus erkannt hatte, daß sie kommen würden, um ihn hinwegzunehmen und zum Könige zu machen, floh er wieder ganz allein auf den Berg. Versucht wurde er in unserer Weise, als er mit Geißeln [S. 341] geschlagen, von Händen getroffen, von eckelhaftem Speichel beschmutzt wurde, als er die ausgesuchte Marter des Kreuzes bis ans Ende ertrug; aber nie wurde er, ich will nicht sagen durch die Schmähungen, sondern nicht einmal durch die Mißbandlungen zu einer Aufwallung auch nur des leisesten Unwillens gereizt, da er ja am Kreuzesbalken hängend voll Erbarmen rief: „Vater, verzeih ihnen, sie wissen nicht, was sie thun.“

1: Matth. 4, 3 ff.
2: V. Mos. 8, 3.
3: V. Mos. 6, 16.
4: V. Mos. 6, 13.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger