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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zweiundzwanzigste Unterredung, welche die zweite des Abtes Monas ist, über die nächtlichen Bethörungen.

13. Die Sünden der Heiligen seien nicht so schwer, daß sie ihnen das Verdienst nehmen oder den Namen der Heiligkeit.

Daß nun die gerechten und heiligen Männer nicht frei [S. 344] von Schuld seien, spricht die Schrift offen aus, da sie sagt: 1 „Siebenmal des Tages fällt der Gerechte und steht wieder auf.“ Denn was ist Fallen Anderes als Sündigen? Und doch wird er ein Gerechter genannt, obwohl es heißt, daß er siebenmal falle, und Nichts nimmt der Fall der menschlichen Schwäche seiner Gerechtigkeit, weil zwischen dem des Gerechten und des Sünders ein großer Unterschied ist. Denn es ist etwas Anderes, eine Todsünde zulassen, und etwas Anderes, von einem Gedanken überrascht zu werden, der nicht ohne Sünde ist; oder durch einen Irrthum der Unwissenheit oder Vergeßlichkeit oder durch eine leicht entschlüpfte müßige Rede anzustoßen; einen Augenblick in der Glaubenslehre ein wenig zu zweifeln 2 oder von einer leichten Reizung der Ruhmsucht getroffen zu werden, oder durch die Macht der Natur ein wenig von der höchsten Vollkommenheit abzuweichen. Denn das sind die sieben Arten des Fallens, in welchen der Heilige zwar zuweilen sinkt aber doch nicht aufhört, gerecht zu sein. Obwohl Dieß leichte und kleine Dinge zu sein scheinen, so bewirken sie doch, daß man nicht ohne Sünde sein kann; denn man hat daran Etwas, wofür man in täglicher Buße wahrhaft um Verzeihung bitten und so unaufhörlich für seine Sünden beten kann in den Worten: „Verzeih uns unsere Schulden!“ Ja, damit wir nun durch die klarsten Beispiele beweisen, daß auch Einige der Heiligen gefehlt haben, und dennoch nicht um ihre Gerechtigkeit kamen: was muß man denn von jenem heiligsten und ausgezeichnetsten Apostel Petrus Anderes glauben, als daß er heilig war, besonders zu jener Zeit, als ihm der Herr sagte: 3 „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas, denn Fleisch und Blut hat dir Das nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel [S. 345] ist.“ „Und geben werde ich dir die Schlüssel des Himmelreiches, und was immer du auf Erden gebunden haben wirst, das soll gebunden sein auch im Himmel; was du aber gelöst haben wirst auf Erden, gelöst wird es auch sein im Himmel.“ Was ist herrlicher als dieses Lob des Herrn? Was kann höher sein als diese Macht und Seligkeit? Und dennoch, da er kurz darauf, unkundig des Leidensgeheimnisses, diesem so großen Heile des Menschengeschlechtes in seiner Unwissenheit entgegentritt mit den Worten: „Fern sei es von dir, o Herr, so soll es dir nicht ergeben“ — da muß er hören: „Gehe hinter mich, Satan, du bist mir zum Ärgerniß, denn du hast nicht Geschmack für Gottes, sondern für der Menschen Sache.“ Muß man nun, weil ihn die Gerechtigkeit selbst mit diesen Worten schalt, glauben, daß er entweder gar nicht gefallen, oder daß er nicht, in der Heiligkeit und Gerechtigkeit verblieben sei? Muß man vielleicht auch läugnen, daß er offenbar damals einen Fall erlitten habe, als er aus Furcht vor den drohenden Verfolgern sich dahinbringen ließ, den Herrn dreimal zu verläugnen? Da aber sogleich die Reue folgte, und er mit den bittersten Thränen die Makel eines solchen Verbrechens abwusch, verlor er das Verdienst, der Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht. 4 Von ihm also und den ihm ähnlichen Heiligen müssen wir auch Das verstehen, was David singt: 5 „Von dem Herrn werden die Schritte des Menschen geleitet, und seinen Weg will Er gar sehr; wenn er fällt, wird er sich nicht zerschmettern, denn der Herr breitet unter seine Hand.“ Denn wessen Schritte von dem Herrn geleitet werden, was kann der anders sein als gerecht? Und doch heißt es auch von Diesem: „Wenn er fällt, wird er sich nicht zerschmettern.“ Was heißt das „wenn er fällt,“ als [S. 346] wenn er durch irgend eine Sünde zu Fall gekommen ist? „Er wird sich nicht zerschmettern“ heißt es, d. i. er wird nicht lange durch den Angriff der Sünde unterdrückt werden, sondern obwohl er für den Augenblick gestürzt scheint, so wird er doch durch die göttliche Hilfe, die er anruft, aufgerichtet und verliert so bei seiner schnellen Erhebung nicht die Beständigkeit der Gerechtigkeit; oder wenn er auch für die Gegenwart durch die Gebrechlichkeit des Fleisches Etwas zugelassen hat, so wird er es durch die Unterlegung der göttlichen Hand wieder gut machen. Denn Der hört nach dem Falle nicht auf, ein Heiliger zu sein, welcher in der Erkenntnis, daß er durch das Vertrauen auf seine Werke nicht gerechtfertigt werden könne, und in dem Glauben, daß er aus den so argen Verwicklungen der Sünde nur durch die Gnade des Herrn befreit werden müsse, nicht aufhört, mit dem Apostel zu rufen: 6 „O ich unglücklicher Mensch, wer wird mich befreien von dem Leibe dieses Todes? Die Gnade Gottes durch Jesum Christum unsern Herrn.“

1: Sprüchw. 24, 16.
2: Dieser Zweifel darf kein ganz freiwilliger sein, sonst wäre er eine schwere Sünde.
3: Matth. 16, 17. 19.
4: Er verlor es nicht für immer, denn es erwachte wieder durch seine Reue; aber schwer gekündigt hatte er und also für die kurze Zeit bis zu seiner Reue die Heiligkeit verloren.
5: Ps. 36, 23. 24.
6: Röm. 7, 24. 25.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger