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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

9. Wie er, da seine Frau sich nicht beruhigte, zum Kloster geeilt sei.

Obwohl er nun beständig in solchen Bitten verharrte, gab ihm doch seine sehr hartherzige Frau ihre Zustimmung nicht und sagte, sie könne in der Blüthe ihres Alters den ehelichen Genuß nicht ganz entbehren, und wenn sie also von ihm verlassen in irgend ein Verbrechen willige, so sei Dieß vielmehr ihm zuzuschreiben, der die Bande der Ehe zerrissen habe. Als Jener hiegegen lange die Beschaffenheit der menschlichen Natur vorgehalten hatte, die man bei ihrer Schwäche und Unzuverlässigkeit nur mit Gefahr länger in fleischliche Begierden und Werke verwickelt lassen könne, fügte er die Versicherung bei, es sei Keinem erlaubt, sich jenes Gutes zu berauben, das er kennen gelernt habe, und es sei eine größere Schuld, die erkannte Güte zu verachten als die unbekannte nicht zu lieben. Überdieß würde er sich in die Schuld des Abfalles stürzen, wenn er den gefundenen, so herrlichen und himmlischen Gaben das Irdische und Unreine vorziehen würde. Er sagte, daß ja doch sicher die Herrlichkeit der Vollkommenheit für jedes Alter und jedes Geschlecht passe, und daß alle Glieder der Kirche zur Besteigung der Höhe erhabener Verdienste aufgerufen werden, da der Apostel sagt: „So laufet, daß ihr es erreichet;“ und daß nicht wegen des Zögerns der Langsamen und Trägen die Gerüsteten und Muthigen stehen bleiben mußten, da es viel richtiger sei, daß die Lässigen von den Voranlaufenden angetrieben werden, als daß die Eilenden von den Zögernden aufgehalten werden. Dann sagte er, bei ihm sei es nun einmal festgesetzt und beschlossen, dem Irdischen zu entsagen und der Welt abzusterben, damit er für Gott leben könne; und wenn er diese Freude nicht erlangen könne, daß er mit seiner Gefährtin in die Gemeinschaft Christi eingehe, so wolle er lieber mit dem Verluste eines Gliedes gerettet werden und lieber wie gelähmt in das Himmelreich eingehen als mit dem ganzen Körper verdammt werden. Er fügte aber auch noch folgende Worte bei: [S. 291] Wenn Moses wegen der Herzenshärte erlaubt hat die Gattinen zu entlassen, warum soll Christus das nicht erlauben wegen des Verlangens nach Keuschheit? Bei andern Neigungen, wie zu Vater, Mutter, Söhnen &c., denen nicht nur das Gesetz, sondern auch der Herr selbst alle Wertschätzung zu bieten befiehlt, hat er nun doch bestimmt, daß sie um seines Namens und der Sehnsucht nach Vollkommenheit willen nicht nur verachtet, sondern auch gehaßt werden sollen, und verbindet damit in ähnlicher Weise auch die Nennung der Gattinen, da er sagt: „Und Jeder, der da verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern, Vater oder Mutter, Gattin oder Söhne oder Äcker um meines Namens willen, der wird es hundertfältig empfangen und das ewige Leben besitzen.“ So wenig also duldet er, daß irgend Etwas der Vollkommenheit, die er lehrt, gleichgeschätzt werde, daß er sogar jenes innige Verhältniß zu Vater und Mutter auflöst, welchem doch nach dem Apostel das erste Gebot mit Verheissung gehört, nemlich: 1 „Ehre deinen Vater und deine Mutter, welches ist das erste Gebot mit Verheissung, damit es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden.“ Selbst dieß Verhältniß befiehlt der Herr um seiner Liebe willen zu verachten. Wie also das Wort des Evangeliums in ganz klarer Weise Jene verurtheilt, welche ohne vorgekommenes Verbrechen des Ehebruches die Gattenbande zerreissen, so verspricht es Denen, welche um der Liebe Christi willen und aus verlangen nach der Keuschheit das fleischliche Joch abwerfen, sogar hundertfältigen Lohn. Wenn es also geschehen kann, daß du Vernunft annimmst und dich nach dieser mir so erwünschten Seite neigst, daß wir nemlich Gott dienend die Höllenstrafe zusammen vermeiden, so weigere ich mich nicht der ehelichen Liebe, sondern umfasse sie mit noch größerer Neigung; denn ich erkenne und verehre meine Gehilfin, welche mir durch den Ausspruch des Herrn zugetheilt wurde, und [S. 292] weise es nicht zurück, ihr mit unverletztem Liebesbunde in Christo anzuhangen. So trenne ich nicht von mir, was der Herr schon nach dem Gesetze der ersten Schöpfung mir verbunden hat, wenn du nur auch bist, was der Schöpfer wollte, daß du seiest. Wenn du mir aber nicht zur Hilfe bist, sondern zum Schaden und dich nicht als Unterstützung für mich, sondern für meinen Feind darbieten willst; und wenn du glaubst, das Sakrament der Ehe sei dazu verliehen, daß du nicht nur dich um das angebotene Heil betrügst, sondern auch mich von der Nachfolge Christi abziehest, so werde ich männlich die durch den Mund des Abtes Johannes, ja Christi selbst ausgesprochene Entscheidung ergreifen, daß mich keine fleischliche Anhänglichkeit von dem geistigen Gute losreissen kann. „Denn,“ heißt es, „wer nicht haßt Vater und Mutter, Söhne und Brüder, Schwestern und Gattin und Äcker, und noch dazu seine eigene Seele, der kann mein Jünger nicht sein.“ Als nun durch diese und ähnliche Worte die Meinung des Weibes nicht geändert wurde und sie in derselben Hartnäckigkeit des Eigensinnes blieb, da sprach der gottselige Theonas: „Wenn nun ich dich dem Tode nicht entreissen kann, so sollst auch du mich nicht trennen von Christus. Es ist für mich aber sicherer, von einem Menschen als von Gott getrennt zu sein.“ Auf Anregung der Gnade Gottes schritt er nun eifrig zur Ausführung seiner Entscheidung und lieh die Glut seiner Sehnsucht durch keine Zögerung lau werden; denn sogleich eilte er, von aller irdischen Habe entblößt, zum Kloster. Dort leuchtete er nach kurzer Zeit in solchem Glänze der Heiligkeit und Demuth, daß, als Johannes, seligen Andenkens, aus diesem Leben zum Herrn heimgegangen und auch der hl. Elias, ein Mann, nicht geringer als sein Vorgänger, geschieden war, als dritter Theonas, durch die Stimme Aller erwählt, ihnen in der Verwaltung der Diakonie nachfolgte.

1: Ephes. 6, 2. 3.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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