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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

5. Daß Jene, welche unter der Gnade des Evangeliums leben, die gesetzlichen Vorschriften übertreffen müssen.

Von uns nun wird nicht mehr bloß das alte Gesetz gefordert, sondern täglich tönt uns das Wort in die Ohren: „Wenn du vollkommen sein willst, so geh und verkaufe Alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir!“ Deßhalb müssen wir wissen, daß wir, wenn wir von unserer Habe Gott den Zehnten darbringen, eigentlich noch unter der Bürde des Gesetzes gehalten und noch nicht zu jener evangelischen Höhe gelangt sind, welche die ihr Ergebenen nicht nur mit Wohlthaten des gegenwärtigen Lebens, sondern auch mit zukünftigen Gaben belohnt. Denn das Gesetz verspricht Denen, die es halten, nicht den Lohn des Himmelreiches, sondern den Trost dieses Lebens, indem es sagt: 1 „Wer Dieß thut, wird darin das Leben finden.“ Der Herr aber sagt zu seinen Jüngern und Aposteln: 2 „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich;“ und: „Jeder, der verlassen hat Haus oder Brüder oder Schwestern, Vater oder Mutter, Gattin oder Söhne oder Äcker um meines Namens willen, der wird es hundertfach erhalten und das ewige Leben besitzen.“ Und nicht mit [S. 286] Unrecht; denn es ist nicht so lobenswerth, wenn wir uns von dem Unerlaubten, als wenn wir uns auch von dem Erlaubten enthalten und uns desselben nicht bedienen aus Ehrfurcht vor Jenem, der uns Dasselbe wegen unserer Schwäche zum Gebrauche überließ. Wenn also auch Jene, welche den Zehnten von ihren Früchten getreulich darbringen und so den altern Geboten Gottes gehorchen, doch die evangelische Höhe noch nicht ersteigen können, so sehet ihr doch offenbar ein, wie weit davon Jene entfernt sind, welche nicht einmal Das thun. Denn wie können die der Gnade des Evangeliums theilhaft sein, welche selbst die leichtern Gebote des Gesetzes vollständig zu erfüllen verschmähen? Ihre Leichtigkeit zeigen die Befehlsworts des Gesetzgebers so sehr, daß den Ungehorsamen selbst der Fluch vorgelegt wird; denn es heißt: 3 „Verflucht sei, wer nicht in Allem, was in dem Buche dieses Gesetzes geschrieben steht, verharrt, um es zu erfüllen.“ Aber hier (im neuen Bunde) wird wegen der Vortrefflichkeit und Erhabenheit der Gebote gesagt: „Wer es fassen kann, der fasse es.“ Dort zeigt das gewaltsame Drängen des Gesetzgebers die Geringfügigkeit der Gebote an, denn er sagt: 4 „Ich nehme heute zu Zeugen vor euch Himmel und Erde, daß, wenn ihr die Gebote des Herrn eures Gottes nicht haltet, ihr zu Grunde gehen werdet, hinweg von dem Angesichte der Erde.“ Hier wird die Erhabenheit der so hohen Gebote dadurch angezeigt, daß nicht so fast die Art des Befehlenden als die des Ermahnenden angenommen wird: „Wenn du vollkommen sein willst, so thue Dieß oder Jenes!“ Dort legt Moses auch den Widerstrebenden eine Last auf, bei welcher es keine Entschuldigung gibt; hier tritt Paulus nur den Wollenden und nach Vollkommenheit Ringenden mit einem Rathe entgegen. Denn es durfte nicht allgemein geboten und so zu sagen regelmäßig von Allen gefordert werden, was wegen seiner wunderbaren Erhabenheit nicht durchweg [S. 287] von Allen erfaßt werden kann, sondern es werden besser Alle durch Rath und Gnade aufgemuntert, damit Jene, welche groß sind, mit der Tugend der Vollkommenheit verdienter Weise gekrönt werden können, die Kleinen aber, welche das Maaß des Vollalters Christi nicht erreichen können, zwar durch den Glanz der Größern, wie von Gestirnen verhüllt und verborgen scheinen, aber doch frei bleiben von der Finsterniß des Fluches, der im Gesetze ist, und so weder zu den Schlägen gegenwärtiger Übel verstoßen noch durch die ewige Pein gestraft werden. Christus also verpflichtet zu jenen erhabenen Gipfeln der Tugend nicht Jeden mit der Strenge des Gebotes, sondern er lockt ihn durch die Macht des freien Willens und die Heilsamkeit des Rathes und entflammt ihn durch das Verlangen nach Vollkommenheit. Denn wo das Gebot ist, da ist Nothwendigkeit, wo diese, da ist Schwierigkeit, wo aber Schwierigkeit, da ist auch Nachlässigkeit, und wo Nachlässigkeit, da ist auch die Sünde; wo die Sünde, da tritt notwendig die Strafe ein. Die aber erfüllen, wozu sie durch die Strenge des vorbestimmten Gesetzes gezwungen werden, entfliehen mehr nur der Strafe, welche von Jenem angedroht wurde, als daß sie Lohn oder Siegespreis erlangen.

1: Lev. 18, 5.
2: Matth. 5, 3 u. 19, 29.
3: V. Mos. 27, 26.
4: V. Mos. 4, 26.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger