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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

34. Wie sich bewähre, daß Jemand unter der Gnade sei.

Wer immer also sich bestrebt, die Vollkommenheit der evangelischen Lehre zu besitzen, der steht unter der Gnade und wird nicht gedrückt von der Herrschaft der Sünde. Denn unter der Gnade sein heißt Das erfüllen, was die Gnade befiehlt. Wer aber sich der ganzen evangelischen Vollkommenheit nicht unterwerfen will, der mag wissen, daß, obwohl er getauft ist und ein Mönch, er doch nicht unter der Gnade, sondern noch von den Banden des Gesetzes umstrickt ist und von der Wucht der Sünde beschwert wird. Denn es ist die Absicht Desjenigen, der Alle, die ihn aufgenommen, zur Gnade der Kindschaft annimmt, die [S. 322] mosaischen Gesetze nicht zu zerstören, sondern zu überbauen, nicht sie leer zu machen, sondern zu erfüllen. Darüber voll Unwissenheit verachten Einige die herrlichen Rathschläge und Ermahnungen Christi und geben sich sorglos einer so anmaßlichen Freiheit hin, daß sie nicht nur die Gebote Christi als gar schwierige nicht anrühren, sondern selbst Das, was ihnen als Anfängern und Kleinen vom mosaischen Gesetze geboten wurde, als veraltet gering schätzen, indem sie mit verderblicher Keckheit sagen, was der Apostel verflucht: 1 „Wir werden sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetze stehen, sondern unter der Gnade.“ Wer also weder unter der Gnade ist, weil er durchaus nicht zu der Höhe der göttlichen Lehre emporsteigt, noch unter dem Gesetze, weil er auch jene kleinen Gebote des Gesetzes nicht auf sich nimmt, der glaubt unter dem Drucke der doppelten Sündenherrschaft die Gnade Christi nur dazu erhalten zu haben, daß er durch verderbliche Freiheit von ihm sich entferne, und fällt gerade in Das, wovon der Apostel Petrus sagt, daß wir nicht hineinfallen sollen: 2 „Handelt als Freie und nicht, als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit!“ Auch der hl. Apostel Paulus sagt: 3 „Denn ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder,“ d. i. daß ihr gelöst seid von der Herrschaft der Sünde; „nur daß ihr die Freiheit nicht zum Anlasse für das Fleisch gebrauchet,“ d. i. daß ihr nicht glaubet, die Aufhebung der gesetzlichen Vorschriften sei die Freiheit für die Laster. Daß aber die Freiheit nirgends sei als dort, wo der Herr weilt, lehrt der Apostel Paulus: 4 „Der Herr ist Geist; wo aber der Geist des Herrn weilt, da ist Freiheit.“ Deßhalb weiß ich nicht, ob ich diesen Sinn des hl. Apostels so ausdrücken und beleuchten kann, wie es die Erfahrenen verstehen; Eines aber weiß ich, daß er sich ganz offen auch ohne Jemandes Er- [S. 323] klärung Denen erschließt, welche die πρακτική, d. i. die Schule des thätigen Lebens vollkommen inne haben. Denn sie werden keine Mühe haben, Das in der Unterredung einzusehen, was sie schon im Wirken gelernt haben.

1: Röm. 6, 15. Des Zusammenhanges wegen ist die beim Apostel stehende Frageform geändert.
2: I. Petr. 2, 16.
3: Gal. 5, 13.
4: II. Kor. 3, 17.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger