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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

32. Daß die Gebote des Evangeliums leichter seien als die des Gesetzes.

Wer also diesen Gipfel der evangelischen Vollkommen- [S. 319] heit erstiegen hat, der ist in der That durch das Verdienst so großer Tugenden über das ganze Gesetz erhaben, und indem er auf Alles, was Moses geboten hat, als auf Geringes herabsieht, erkennt er, daß er nur unter der Gnade des Erlösers stehe, durch dessen Hilfe er, wie er wohl einsieht, zu diesem höchsten Stande gelangt ist. Es herrscht also nicht die Sünde in ihm, weil die Liebe Gottes, welche in unsern Herzen ausgegossen ist durch den hl. Geist, der uns gegeben wurde, alle Neigung zu irgend einem andern Dinge ausschließt. Er kann weder das Verbotene begehren noch das Gebotene verachten, da sein ganzes Streben, sein ganzes Verlangen immer auf die göttliche Liebe gerichtet ist und so wenig von einer Lust an niedrigen Dingen eingenommen wird, daß er auch des Erlaubten sich nicht bedient. Obwohl nun im Gesetze, in welchem die Rechte der Ehe gewahrt werden, das Ausschweifen der Lust im Zaume gehalten und diese an ein Weib gebunden ist, so können sich hier doch die Stacheln der fleischlichen Begier nicht abstumpfen, und es ist schwer, das Feuer, dem so eifrig Nahrung zugeführt wird, so (in bestimmte Grenzen) einzuschließen, daß es nicht herausschlage und verbrenne, was es immer erreichen kann. Wenn Einem auch sein eigner Gegenstand immer so vor Augen schwebt, daß er ihm keine Brunft für Fremde zuläßt, so entzündet diese doch, selbst indem sie zurückgehalten wird, weil der Wille schon sündhaft ist und der an den Beischlaf Gewöhnte zu den schnellsten ehebrecherischen Ausschreitungen sich hinreissen läßt. Diejenigen aber, welche die Gnade des Erlösers mit der hl. Liebe zur Unversehrtheit entflammt hat, vertilgen alle Stacheln der fleischlichen Begierden so sehr durch das Feuer der göttlichen Liebe, daß auch nicht ein matter Funke der Laster die erquickende Kühle der Unschuld mindert. Die Diener des Gesetzes also stürzen durch den Gebrauch des Erlaubten in das Unerlaubte, die Jünger der Gnade aber wissen, da sie das Erlaubte verachten, Nichts von dem Verbotenen. Wie aber in der Liebe zur Ehe die Sünde lebendig ist, so auch in Jenem, welcher sich begnügt, seine Zeh- [S. 320] ten und Erstlinge abzugeben: denn er wird notwendig, wenn er zögernd oder nachlässig ist, bald in der Beschaffenheit derselben, bald in der Menge, bald in der täglichen Vertheilung sündigen. Denn wenn man das Gebot hat, von seinem Eigenthum unaufhörlich den Dürftigen mitzutheilen, so ist es schwer, nicht häufig in die Netze der Sünden zu fallen, obwohl man es mit aller Treue und Opferwilligkeit vertheilt. Über Jene aber, welche den Rath des Herrn nicht verachteten, sondern all ihre Habe zuerst den Armen austheilten und dann ihr Kreuz auf sich nehmend dem Spender der himmlischen Gnade folgten, kann die Sünde nicht herrschen. Denn Jenen, welcher die schon Christo geweihten Schätze und die gleichsam fremden Gelder in frommer Hingabe vertheilt, wird nicht die treulose Sorge um Wahrung des Lebensunterhaltes benagen, noch wird die mißmuthige Zögerung ihm die Heiterkeit des Almosens nehmen, weil er das, was er einmal ganz Gott darbrachte, bereits als Fremdes vertheilt, ohne der eigenen Noth zu gedenken oder für den schmalen Lebensunterhalt zu fürchten, da er ja sicher ist, daß er nach Erlangung der ersehnten Blöße viel eher werde von Gott ernährt werden als die Vögel des Himmels. Dagegen wird Jener, welcher die weltlichen Güter zurückbehält und seine Zehnten und Erstlinge oder einen Theil seines Geldes im Pflichtgefühle gegen das Gebot des alten Gesetzes austheilt, so sehr er auch das Feuer seiner Sünden durch diesen Thau des Almosens auslöscht, sich doch unmöglich vollständig von der Herrschaft der Sünde befreien, mag er seine Schätze auch noch so großherzig mittheilen, wenn er nicht etwa durch die Gnade des Erlösers mit dem Vermögen auch die Neigung zum Besitze abgelegt hat. In gleicher Weise kann Der nicht anders als der grausamen Herrschaft der Sünde dienen, welcher Auge für Auge, Zahn für Zahn nach der Vorschrift des Gesetzes herausreissen oder seinen Feind hassen will, weil er nothwendig, so lange er durch entsprechende Vergeltung seine Beleidigung rächen will oder gegen den Feind die Bitterkeit des Hasses wahrt, immer von der Auf- [S. 321] regung des Zornes und der Wuth entzündet wird. Wer aber im Lichte der evangelischen Gnade wandelt und das Böse durch Nichtwiderstehen besiegt, ja sogar mit freiem Willen nicht zögert, dem, der ihn auf die rechte Wange schlägt, voll Geduld auch die andere zu reichen, und dem, der wegen des Rockes mit ihm streiten will, auch den Mantel läßt; wer ferner seine Freunde liebt und für seine Verläumder betet, der hat das Joch der Sünde abgeworfen und ihre Bande zerrissen. Denn er lebt nicht unter dem Gesetze, welches den Samen der Sünde nicht tödtet, weßhalb der hl. Apostel nicht mit Unrecht von ihm sagt: 1 „Abgeschafft wird das vorhergehende Gesetz wegen seiner Schwäche und Unbrauchbarkeit; denn das Gesetz hat Nichts zur Vollkommenheit gebracht.“ Und der Herr sagt durch den Propheten: 2 „Und ich gab ihnen Gebote, die nicht gut sind, und Gesetze, in welchen sie das Leben nicht haben werden.“ Ein Solcher lebt eben unter der Gnade, welche nicht nur die Zweige der Bosheit abschneidet, sondern selbst die Wurzeln der gefährlichen Neigung vollständig ausreißt.

1: Hebr. 7,18. 19.
2: Ezech. 20, 35.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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