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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

32. Antwort über den Unterschied zwischen der Gnade und den gesetzlichen Vorschriften.

Theonas: Euer Nachdenken hat uns wieder keine geringe Frage angeregt, und obwohl ich weiß, daß deren voller Sinn von Unerfahrenen weder gelehrt noch erfaßt werden kann, so will ich doch, so weit ich kann, ihn mit Worten zu bewältigen und kurz zu bereinigen suchen, ob vielleicht eure Einsicht dem Gesagten auch in der That folge. Denn was immer nicht durch Lehre, sondern durch Erfahrung erkannt wird. Das kann, wie es der Unerfahrene nicht zu lehren vermag, so auch nur von dem im Geiste erfaßt und behalten werden, der in gleicher Bestrebung und Übung gegründet ist. Und deßhalb halte ich es für nothwendig, daß wir zuerst genauer untersuchen, was denn Ziel und Wille des Gesetzes und was die Zucht und Vollendung der Gnade sei, damit wir folgerichtig hieraus (sowohl die Herrschaft der Sünde als die Austreibung derselben) zu erkennen vermögen. So befiehlt nun das Gesetz nachdrücklich, die eheliche Verbindung zu suchen, und sagt: 1 „Selig, wer einen [S. 318] Samen hat in Sion und Hausgenossen in Jerusalem“ — und: „Verflucht sei die Unfruchtbare, die nicht gebar.“ Die Gnade im Gegentheile ladet uns zu der Reinheit der immerwährenden Unversehrtheit und zu der Keuschheit der glückseligen Jungfräulichkeit ein und sagt: 2 „Selig sind die Unfruchtbaren, die nicht geboren haben, und die Brüste, welche nicht Milch gaben“ — und: „Wer nicht haßt Vater und Mutter und Gattin, kann mein Jünger nicht sein“ — oder beim Apostel: 3 „Es erübrigt nur, daß Jene, welche Frauen haben, seien, als hätten sie keine.“ Das Gesetz sagt: 4 „Zögere nicht, deine Zehnten und Erstlinge darzubringen.“ Die Gnade: 5 „Wenn du vollkommen sein willst, so geh und verkaufe Alles, was du hast, und gib es den Armen!“ Das Gesetz verbietet nicht 6 die Erwiderung der Schmähungen und die Rache für Beleidigungen, da es sagt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Die Gnade will, daß durch unsere Geduld sich bewähre, ob die zugefügten Schmähungen und Schläge sich nicht etwa verdoppeln, und befiehlt uns, bereit zu sein, einen zweifachen Verlust zu ertragen, da sie sagt: 7 „Wenn dich Einer auf die rechte Wange schlägt, so reiche ihm auch die andere, und Jenem, der mit dir streiten und denen Rock nehmen will, laß auch den Mantel!“ Jenes lehrt, daß man die Feinde hassen solle, dieses, man müsse sie so lieben, daß man auch immer Gott für sie bitte.

1: Is. 31, 9. (Sept.)
2: Luk. 23, 29.
3: I. Kor. 7, 29.
4: II. Mos. 22, 29.
5: Matth. 19, 21.
6: Ja es verbietet sie den Privaten, wie es z. B. Lev. 19, 18 u. Sprüchw. 12 oder Deuteron. 32 (Röm. 12) zu lesen ist, gebot, „den Feind zu hassen,“ sondern die Auslegung der Pharisäer und Schriftgelehrten, und diese hatte Christus im Auge, dessen Vorschriften freilich immerhin höher sind als die des alten Gesetzes.
7: Matth. 5, 39. 40.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger