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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

4. Daß Abraham, David und die übrigen Heiligen über die Gebote des Gesetzes hinausgegangen seien.

So lesen wir nemlich, daß Abraham sich über die Gebote des künftigen Gesetzes erhoben habe, da er nach Besiegung der vier Könige von der Beute Sodoma’s, die ihm als Sieger nicht mit Unrecht gebührte, um so mehr als der König selbst, dessen Habe er zurückgebracht hatte, sie ihm bittend anbot, — durchaus Nichts zu berühren be- [S. 284] schloß, indem er Gott zum Zeugen nehmend ausrief: 1 „Ich erbebe meine Hand zu dem großen Gotte, der Himmel und Erde gemacht hat, ob ich von dem Faden der Unterdecke an bis zum Schuhriemen Etwas nehme von Allem, was dein ist.“ So lesen wir, daß David die Vorschrift des Gesetzes überboten habe, der, obwohl Moses befohlen hatte, an den Feinden Vergeltung zu üben, 2 Dieß nicht nur nicht that, sondern auch seine Verfolger mit Liebe umfieng, Gott innig für sie anflehte und voll Trauer weinend die Ermordeten rächte. So haben wir auch den Beweis, daß Elias und Jeremias nicht unter dem Gesetze waren, da sie, obwohl es ihnen ohne Tadel erlaubt gewesen wäre, eine Ehe einzugehen, doch in der Jungfräulichkeit verharren wollten. So lesen wir ferner, daß Elisäus und die übrigen Männer von gleichem Lebensziele sich über die mosaischen Gebote emporgeschwungen haben, da der Apostel so von ihnen sagt: „Sie gingen umher in Schafhäuten und Ziegenfellen, geängstigt, bedrängt, darbend, sie, deren die Welt nicht werth war, sie irrten umher in Einöden, in den Bergen, in den Klüften und Höhlen der Erde.“ 3 Was soll ich sagen von den Söhnen des Jonadab, des Sohnes der Rachab, die, wie wir lesen, dem Propheten Jeremias, der ihnen auf des Herrn Befehl Wein anbot, so antworteten: 4 „Wir trinken nicht Wein, weil Jonadab, der Sohn der Rechab, unser Vater, uns befahl und sprach: Ihr sollt nicht Wein trinken, ihr und eure Söhne für immer; und Häuser sollt ihr nicht bauen noch eure Saat säen; Weinberge sollt ihr nicht pflanzen und besitzen, sondern in Zelten wohnen alle eure Tage?“ Deßhalb dürfen sie auch von demselben Propheten hören: „Das Wucht der Herr der Heerschaaren, der Gott Israels: Es [S. 285] soll nicht an Männern fehlen vom Stamme Jonadab des Sohnes der Rechab, die vor meinem Angesichte stehen allezeit.“ Diese alle waren nicht zufrieden, den Zehnten von ihrem Besitze zu geben, sondern mit Verschmähung der Güter brachten sie lieber Gott sich selbst und ihre Seelen dar, für welche ja von dem Menschen kein Tauschwerth gegeben werden kann, wie der Herr im Evangelium bezeugt: 5 „Welchen Ersatz wird der Mensch geben für seine Seele?“

1: Genes. 14, 22. 23.
2: Dieß Gesetz war aber nicht den Einzelnen und Privaten gegeben, sondern den Richtern und Obrigkeiten.
3: Hebr. 11, 37. 38.
4: Jerem. 35, 7. 19.
5: Matth. 16, 26.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger