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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

23. Von der Zeit und dem Maaße der Labung.

Wir müssen also die Feier der genannten Tage so halten, daß die Nachsicht für die Pflege des Leibes und der Seele mehr nütze als schade, weil weder die Freude jener Festzeit die Stachel des Fleisches abstumpfen kann noch jener grausame Feind Etwas davon versteht, durch Ehrfurcht vor diesen Tagen milder zu werden. Damit also an den [S. 308] Festtagen sowohl die gewohnte, festgesetzte Feier gehalten als auch das so heilsame Maaß der Einschränkung nicht überschritten werde, so genügt es, die Nachsicht und Freiheit so weit geben zu lassen, daß die Speise, welche in der neunten Stunde des Tages zu nehmen wäre, wegen der Festzeit etwas bälder, nemlich zu der sechsten Stunde genommen werde, nur um die gewöhnliche Menge und Beschaffenheit der Nahrung nicht zu ändern, damit nicht die Reinheit des Körpers oder die Unschuld des Geistes, welche durch die Enthaltung in der Quadragesima eifriger angestrebt wurde, durch die Erleichterung der Quinquagesima verloren gehe und wir so nutzlos durch Fasten erlangt haben, was bald die gereizte Sattheit mit Gewalt zu Grunde richtet, besonders da auch die wohlbekannte Schlauheit unseres Feindes die Festung unserer Reinheit dann am meisten angreift, wenn er merkt, daß die Bewachung derselben wegen der Festesfeier weniger streng sei. Deßhalb muß man mit der größten Wachsamkeit Vorsorge treffen, daß die Frische unseres Geistes nie durch schmeichelnde Verführung entnervt werde, damit wir nicht, wie schon oben gejagt, die in der Quadragesima mit Mühe erworbene keusche Reinheit durch die Ruhe und Sorglosigkeit der Quinquagesima verlieren. Deßhalb soll durchaus keine Zuthat in der Beschaffenheit und dem Maaße der Speisen zugelassen werden, sondern wir wollen uns von den Speisen, denen wir an den Fasttagen wegen der Sicherheit der Keuschheit zu entsagen pflegen, auch an den höchsten Festtagen gleichfalls enthalten, damit nicht die Festfreude uns den so verderblichen Kampf fleischlicher Brunst errege, sich in Trauer verwandle und uns jenes herrlichere Fest des Geistes, der in Freude über die Unverdorbenheit jauchzt, vereitle, worauf wir nach kurzer Eitelkeit der fleischlichen Fröhlichkeit anfangen müßten, die verlorene Herzensreinheit in langer Bitterkeit der Buße zu beweinen. Ja, wir müssen uns bestreben, daß nicht vergeblich jene Mahnung des Propheten an uns gerichtet werde: 1 [S. 309] „Feire, o Juda, deine Feste und erfülle deine Gelübde!“ Denn wenn die dazwischenfallende Festzeit die Beständigkeit unserer Entsagung nicht ändert, so werden wir immer geistige Feiertage genießen, und indem wir so von knechtischer Arbeit ablassen, werden wir Neumond auf Neumond, Sabbat auf Sabbat haben.

1: Nahum 1, 15.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger