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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

22. Antwort über die Wahrung der Mäßigung und Enthaltsamkeit.

Theonas: Wenn wir Alles, was wir thun, mit vernünftiger Geistesprüfung abwägen und über die Reinheit unseres Herzens nicht das Unheil Anderer, sondern immer unser eigenes Gewissen befragen, so ist es sicher, daß jene Unterbrechung durch besseres Essen unserer Strenge nicht in Wahrheit schaden könne; wenn nur, wie gesagt, der Geist unbestechlich das richtige Maaß der Nachsicht und Enthaltung auf gleicher Wage abwägt und das Zuviel auf beiden Seiten gleichmäßig abschneidet; und wenn er mit wahrer Klugheit unterscheidet, ob den Geist das Gewicht der Genüsse niederdrücke oder den andern Theil, nemlich den Leib, eine größere Strenge der Entsagung beuge, so daß er jenen Theil entweder beschwert oder leichter macht, den er zu hoch steigen oder zu tief sinken sieht. Denn unser Herr will nicht, daß zu seinem Dienste und Preis Etwas ohne maßvolles Unheil geschehe; „denn die Ehre des Königs liebt das Urtheil.“ 1 Deßhalb ermahnt der so weise Salomon, daß wir nicht mit unbestimmtem Urtheile nach irgend einer Seite abweichen sollen, und sagt: 2 „Ehre Gott von deinen gerechten Arbeiten und opfere ihm von den Früchten deiner Gerechtigkeit!“ Denn es wohnt in unserm Gewissen ein unbestechlicher und wahrer Richter, der, wenn sich zuweilen Alle über den Zustand unserer Reinheit täuschen, allein sich nicht irrt. Denn wenn wir mit aller Vorsicht und beständigem Eifer die Aufmerksamkeit eines umsichtigen Herzens darauf richten, wie wir mit irrigem Urtheil unserer Unterscheidungsgabe oder entflammt von der Begierde nach unüberlegter Entsagung oder gelockt von dem Verlangen nach zu großer Freiheit den Vorrath unserer Kräfte mit ungerechter Waage prüfen: so werden wir auf die eine Schaale die Reinheit unseres Herzens, [S. 306] auf die andere die Kräfte des Körpers legen und nach dem Urtheile des Gewissens Beides so abwägen, daß wir nicht durch vorwiegende Neigung für das Eine oder Andere nach irgend einer Seite zu sehr abweichen und die ordnende Waage weder zu unmäßiger Strenge noch zu übergroßer Nachsicht mit Vorliebe neigen, wofür uns, sei es wegen zu großer Nachsicht, sei es wegen zu großer Strenge, gesagt wurde: 3 „Hast du nicht gesündigt, wenn du recht opferst, oder nicht recht vertheilst?“ Denn jene Opfer des Fastens, die wir uns durch gewaltsames Pressen der Eingeweide unüberlegt abnöthigen und sie nun Gott in Ordnung darzubringen meinen, verabscheut Jener, welcher Barmherzigkeit und Klugheit liebt, indem er sagt: 4 „Ich, der Herr, liebe das Rechte und hasse den Raub zum Brandopfer.“ Aber auch Jene, welche von ihren Opfern, d. i. von ihren Dienstleistungen und Handlungen das Beste für die Pflege des Fleisches und ihren eigenen Gebrauch wegnehmen und nur das Übrige, also den kleinsten Theil davon dem Herrn darbringen, verurtheilt das göttliche Wort als betrügerische Arbeiter wie folgt: 5 „Verflucht sei, wer das Werk des Herrn betrügerisch thut.“ Nicht mit Unrecht also fährt der Herr Jenen, der sich in so ungerechter Prüfung täuscht, mit den Worten an: „Eitel sind die Söhne der Menschen, lügenhaft die Menschenkinder in ihren Waagen zum Betruge.“ 6 Deßhalb mahnt der hl. Apostel, daß wir die Mäßigung der Klugheit bewahren und nach keiner Seite schwanken, vom Übermaaße gereizt, und sagt: 7 „Vernünftig sei euer Gehorsam.“ Dasselbe verbietet auch der Gesetzgeber in ähnlicher Weise durch folgendes Gebot: 8 „Die Waage sei recht und voll die Gewichte, richtig der Schäffel und ächt der Sextar.“ Auch Salomon spricht hierüber ein gleiches Urtheil aus: 9 „Das große und kleine Gewicht, doppeltes Maaß, sind beide ein Greuel vor dem [S. 307] Herrn, und wer sie anwendet, wird in seinen Plänen gefangen werden.“ Wir müssen uns nun nicht nur auf die hier genannte, sondern auch auf andere Art bestreben, daß wir nicht unächtes Gewicht in unsern Herzen und nicht doppeltes Maaß in den Speichern unseres Gewissens haben, d. h. daß wir nicht für uns mit leichter Nachsicht das nehmen, was die strenge Regel mildert, und dagegen Jene, welchen wir das Wort des Herrn predigen, mit strengern Geboten und schwerern Lasten drücken, als wir selbst tragen könnten. Was thun wir da Anderes, als daß wir die Waare und Frucht der Gebote des Herrn mit doppeltem Gewicht und Maaße wägen und messen? Denn wenn wir anders für uns und anders für unsere Brüder austheilen, so werden wir mit Recht vom Herrn getadelt, daß wir trügerische Waagen und doppeltes Maaß haben nach jenem Ausspruche Salomons, in welchem es heißt: „Ein Greuel vor dem Herrn ist doppeltes Gewicht, und trügerische Waage ist nicht gut vor seinem Angesichte.“ Auch dadurch ziehen wir uns offenbar die Schuld eines falschen Gewichtes und doppelten Maaßes zu, wenn wir all das Strengere, was wir für uns in unsern Zellen zu üben gewohnt sind, aus Sucht nach Menschenlob vor den Brüdern prahlerisch zeigen, da es uns nemlich gelüstet, vor den Augen der Menschen enthaltsamer und heiliger zu erscheinen als vor dem Auge Gottes. Diese Krankheit müssen wir ganz besonders nicht nur meiden, sondern sogar verabscheuen. Da wir nun aber von der vorgelegten Frage etwas zu weit abgeschweift sind, so wollen wir zu der verlassenen zurückkehren.

1: Ps. 98, 4.
2: Sprüchw. 3.
3: Gen. 4. (Septuag.!)
4: Isai. 61, 8.
5: Jerem. 48, 10.
6: Ps. 61, 10.
7: Röm. 12, 1.
8: Lev. 19, 36.
9: Sprüchw. 20, 23.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger