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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.

14. Daß das Fasten kein Grundgutes sei.

Daß also Dieß etwas in der Mitte Liegendes sei, wird auch ganz offenbar damit erklärt, daß es ebenso durch die Beobachtung rechtfertigt, wie es durch die Verletzung nicht verdammt, wenn nicht zufällig die Überschreitung eines Gebotes zu bestrafen ist, nicht aber der Genuß der Speisen. Daß es aber keiner Zeit an dem Hauptguten fehle, ist so nothwendig, daß Niemandem erlaubt ist, ohne Dasselbe zu sein, weil durch seine Unterlassung der Nachlässige nothwendig in das Böse fallen muß. Auf der andern Seite wird dem Grundbösen gar keine Zeit gestattet, weil das immer Schädliche niemals begangen werden kann, ohne zu schaden und nie zum Lobenswerthen sich ändern kann. Deßhalb ist es offenbar, daß alle Bestimmungen von Zuständen und Zeiten, welche durch ihre Beobachtung so heiligen, daß sie durch ihre Unterlassung nicht beflecken, in der Mitte liegen, wie Hochzeiten, Ackerbau, Reichthum, die Verborgenheit in der Einöde, Nachtwachen, Lesung heiliger Bücher und das Nachdenken darüber, und gerade das Fasten selbst, von dem unsere Unterredung ihren Anfang nahm. All Dieses befiehlt uns das göttliche Gebot und das Ansehen der hl. Schriften nicht so unaufhörlich zu halten und so beständig zu beobachten, daß es sündhaft wäre, dasselbe ein wenig zu unterlassen. Was nemlich mit Befehl vorgelegt wird, bringt für die Nichterfüllung den Tod; was aber mehr gerathen als befohlen wird, wird mit Nutzen gethan, und ohne Strafe unterlassen. Deßhalb haben unsere Vorfahren uns befohlen, all Dieß oder doch Einiges je nach der Ursache, nach Ort, Maaß und Zeit umsichtig zu thun [S. 288] und vorsichtig zu beobachten, weil, wenn Etwas davon entsprechend gethan wird, dieß dann passend und schicklich ist, wenn es aber ungehörig geschieht, dieß thöricht und schädlich ist. So wenn z. B. Einer bei der Ankunft eines Bruders, in welchem er Christum selbst mit Liebe erquicken und mit wohlwollendster Aufnahme umfassen soll, lieber die Strenge des Fastens beobachten wollte, würde der nicht vielmehr in die Schuld der Lieblosigkeit fallen, als Lob und frommes Verdienst erwerben? Oder wenn der Nachlaß und die Schwäche des Leibes eine Erneuerung der Kräfte durch Speisengenuß fordert, und Einer sich nicht darüber beruhigen wollte, die Strenge des Fastens zu mildern, wäre der nicht vielmehr ein grausamer Mörder seines Leibes als ein schätzenswerther Pfleger seiner Seele? So auch wenn eine Festzeit das entsprechende Wärmen der Speisen und Erfrischung durch notwendige Unterbrechung (des Fastens) erlaubt, so müßte doch wohl Jener, welcher die strenge Beobachtung des Fastens ununterbrochen beibehalten wollte, nothwendig nicht so fast für fromm, als für ungeschickt und unvernünftig gehalten werden. Aber auch Jenen ist das Fasten gefährlich, welche dabei nach Menschenlob haschen und durch eitle, prahlsüchtige Blässe den Ruf der Heiligkeit erstreben, so daß das Wort des Evangeliums erklärt, sie hätten in der Gegenwart ihren Lohn dahin, und der Herr durch den Propheten ihr Fasten verabscheut. Nachdem er vorher wie aus ihrem Munde sich den Vorhalt gemacht und gesagt hatte: 1 „Warum fasten wir, und du siehst nicht darauf? Warum demüthigen wir unsere Herzen, und du weißt nicht darum?“ —, fügt er sogleich die Eröffnung der Ursachen bei, warum sie nicht gehört zu werden verdient und sagt: „Siehe am Tage eures Fastens zeigt sich euer Wille, und alle eure Schuldner treibet ihr. Siehe, zu Streit und Hader fastet ihr und schlaget gottlos zu mit eurer Faust. Fastet nicht so wie bisher, damit euer Rufen [S. 299] gehört werde in der Höhe! Ist’s denn ein Fasten, wie ich’s will, wenn der Mensch den Tag hindurch sich kasteiet, sein Haupt dreht wie einen Reif, und in Sack und Asche liegt? Nannte ich das ein Fasten und einen dem Herrn wohlgefälligen Tag?“ Dann fügt er die Belehrung bei, wie die Enthaltsamkeit des Fastenden wohlgefällig werde, und erklärt deutlich, daß das Fasten durch sich allein nicht nützen könne, wenn nicht die beigefügten Folgen sich zeigen. „Ist nicht,“ sagt er, „das ein Fasten, welches mir gefällt? Löse die Bande der Ruchlosigkeit, löse die Fesseln der Unterdrückung, gib frei die Gebrochenen und nimm hinweg jede Last! Brich dem Hungernden dein Brod, und die Dürftigen und Obdachlosen führ’ in dein Haus! Wenn du einen Nackten siehst, bedecke ihn und verachte nicht dein Fleisch! Dann wird hervorbrechen dein Licht wie am Morgen und dein Heil wird schneller aufgehen. Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen und die Herrlichkeit des Herrn dich festigen. Dann wirst du flehen, und der Herr wird dich erhören; rufen wirst du, und er wird sagen: Siehe, hier bin ich!“ Ihr sehet also, daß das Fasten keineswegs vom Herrn für etwas Urgutes erklärt wird, weil es nicht durch sich selbst, sondern durch andere Werke gut und gottgefällig wird; anderseits aber je nach den Umständen nicht nur für eitel, sondern sogar für verhaßt gehalten ist, da der Herr sagt: „Wenn sie fasten, werde ich ihre Gebete nicht erhören.“ 2

1: Is. 58, 3ff.
2: Jerem. 14, 12.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger