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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwanzigste Unterredung, welche die des Abtes Pinusius ist über das Ziel der Buße und die Genugthuung.

9. Daß den Vollkommenen das Vergessen der Sünde nützlich und die Erinnerung an die Schandthaten zu vermeiden sei.

Was übrigens deine kurz vorher gemachte Äusserung betrifft, daß du sogar mit Fleiß das Andenken an die vergangenen Sünden zurückrufest, so sollte Das durchaus nicht geschehen; ja selbst wenn es sich mit Gewalt aufdrängt, sollte es sogleich weggeschafft werden. Denn es zieht den Geist zu sehr von der Betrachtung der Reinheit zurück, besonders bei Dem, der in der Einsamkeit weilt, verwickelt ihn in den Schmutz dieser Welt und erstickt ihn im Gestanke der Laster. Während du nemlich Das wieder hernimmst, was du nach dem Sinne des Weltfürsten, sei es in Unwissenheit, sei es in Ausgelassenheit, begangen hast, so muß, wenn ich auch zugebe, daß dir bei dem Aufenthalte in solchen Gedanken keine Lüsternheit naht, doch schon die bloße Berührung der alten Fäulniß den Geist mit häßlichem Gestanke verderben und den geistigen Duft der Tugenden, also die Süßigkeit des Wohlgeruches verdrängen. Wenn also eine Erinnerung an frühere Laster den Geist trifft, so muß man davor so fliehen, wie ein anständiger und ernster [S. 277] Mann zurückreicht, wenn sich ein schamloses, freches Weib öffentlich mit Ansprache oder Umarmung ihm naht. Sicherlich, wenn sich dieser nicht jeder Berührung mit derselben sogleich entzieht und auch nur die kürzeste Dauer einer so unanständigen Unterredung zuläßt, so wird, obwohl er die Einwilligung in eine schändliche Lust verabscheut, er dennoch der Makel der Ehrlosigkeit und Tadelswürdigkeit in dem Urtheile aller Vorüberkommenden nicht entgehen. So also müssen auch wir, wenn wir durch gefährliche Erinnerung in solche Gedanken hineingekommen sind, sogleich von ihrer Betrachtung ablassen und thun, was Salomon befiehlt, indem er sagt: 1 „Geh weg, verweile nicht auf ihrem Platze und schaue nicht mit deinem Auge nach ihr,“ damit nicht etwa die Engel, wenn sie uns in unreine und schändliche Gedanken verstrickt sehen, bei ihrem Vorübergehen nicht im Stande seien, über uns zu sprechen: 2 „Der Segen des Herrn sei über euch, wir segnen euch im Namen des Herrn!“ Es ist nemlich unmöglich, daß der Geist in guten Gedanken verweile, wenn der edelste Theil des Herzens in schändliche und irdische Anschauungen herabgestürzt ist. Denn wahr ist jener Ausspruch Salomons: 3 „Wenn deine Augen eine Fremde gesehen haben, wird dein Mund Verkehrtes reden, und du wirst sein wie ein Schlafender in Mitte des Meeres und wie ein Steuermann in großem Sturm. Du wirst aber sagen: Sie haben mich geschlagen, und ich empfand keinen Schmerz; sie haben mich hingezogen, und ich wußte es nicht.“ Wir müssen also nicht nur die schändlichen, sondern auch alle irdischen Gedanken verlassen und die Meinung unseres Geistes immer nach dem Himmlischen richten nach dem Ausspruche unseres Erlösers. „Denn wo ich bin,“ sagt er, „dort wird auch mein Diener sein.“ Denn es pflegt häufig zu geschehen, daß, während ein Unerfahrener seinen eigenen oder fremden Fall in der Stimmung des [S. 278] Klagenden sich wieder vorstellt, er auch wieder von dem so seinen Pfeile der lüsternen Zustimmung getroffen wird, und so schließt das unter dem Scheine der Frömmigkeit Begonnene mit einem gemeinen und schädlichen Ende. „Es gibt eben Wege, welche den Menschen recht scheinen, aber ihr Ende führt in die Tiefen der Hölle.“ Wir müssen also streben, uns mehr durch Verlangen nach den Tugenden und durch die Sehnsucht nach dem Himmelreiche, als durch schädliche Erinnerungen an unsere Laster zu lobenswerther Zerknirschung zu bewegen. Denn nothwendig muß Einer so lange durch den pestartigen Gestank einer Kloake im Athem gehemmt werden, als er über derselben stehen oder ihren Koth aufrühren will. 4

1: Sprüchw. 5, 8. Vulgata sehr abweichend.
2: Ps. 128, 8.
3: Sprüchw. 23, 34. 35.
4: Nehmen wir das 7. und 9. Kapitel zusammen, so dürfte die sich ergebende Lehre am besten dahin verstanden werden, daß es zwar besonders für Unvollkommene nützlich ist, sich in gewisser Allgemeinheit ihrer Sünden zu erinnern zum Zwecke der Zerknirschung, daß aber besonders bei Sünden der Unlauterkeit jedes nähere Eingehen und Verweilen strenge zu vermeiden ist sowohl von Anfängern, die eben noch zu reizbar sind, als auch von den Vollkommenen, die überhaupt durch alle Erinnerung an die frühem Sünden zu sehr von der Sammlung im Gebete abgezogen werden.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger