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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwanzigste Unterredung, welche die des Abtes Pinusius ist über das Ziel der Buße und die Genugthuung.

8. Daß man auf vielfache Weise zur Sühnung der Sünden gelangen könne.

Nach jener allgemeinen Gnade der Taufe und jenem so kostbaren Geschenk 1 des Marterthums, welches durch die Abwaschung mit dem Blute erlangt wird, gibt es viele Früchte der Buße, durch welche man zur Sühnung der Verbrechen gelangt. Denn das ewige Heil wird nicht nur jener schlechthin sogenannten Buße versprochen, von welcher der Apostel Petrus sagt: 2 „Thut Buße und bekehret euch, damit eure Sünden getilgt weiden,“ und Johannes der Täufer oder der Herr selbst: „Thut Buße, denn nahe ist das Himmelreich!“ sondern auch durch den Affekt der Liebe stürzt die Sündenlast; denn 3 „die Liebe bedeckt die Menge der Sünden.“ Ähnlich wird auch durch die Frucht [S. 272] der Almosen ein Heilmittel für unsere Wunden geliefert, weil „wie Wasser das Feuer löscht, so auch Almosen die Sünde tilgt.“ 4 So wird auch durch die Vergießung von Thränen Abwaschung der Sünden erlangt, denn: „Ich wasche jede Nacht mein Bett, mit meinen Thränen benetze ich mein Lager.“ Dann ist beigefügt zum Zeichen, daß sie nicht vergeblich vergossen worden: „Weichet von mir Alle, die ihr Unrecht thut, denn der Herr hat die Stimme meines Flehens erhört.“ Auch für das Bekenntnis der Verbrechen wird ihre Tilgung zugestanden, denn es heißt: 5 „Ich habe es gesagt, bekennen werde ich wider mich meine Ungerechtigkeit dem Herrn, und du hast nachgelassen die Gottlosigkeit meiner Sünde.“ Und wieder: 6 „Bekenne du zuerst deine Sünden, damit du gerechtfertigt werdest.“ In ähnlicher Weise erlangt man durch die Peinigung des Herzens und des Körpers Nachlaß der begangenen Frevel; denn es heißt: 7 „Siehe meine Erniedrigung und meine Mühsal, und verzeihe alle meine Sünden.“ Vorzüglich über durch die Besserung der Sitten, wie gesagt ist: 8 „Leget ab die Bosheit eurer Gedanken vor meinen Augen, höret auf, verkehrt zu handeln, lernet Gutes thun, suchet Gerechtigkeit, kommet zu Hilfe dem Unterdrückten, schaffet Recht den Waisen, vertheidigt die Wittwen, und dann kommet und klaget über mich, sagt der Herr. Wenn eure Sünden wären wie Scharlach, sollen sie weiß werden wie Schnee; und wenn sie roth sind wie Purpur, weiß sollen sie sein wie Wolle.“ Zuweilen wird auch durch die Fürbitte der Heiligen Verzeihung der Sünden erlangt. Denn: 9 „Wer da weiß, daß sein Bruder sündige in einer Sünde, die nicht zum Tode ist, der bitte, und der Herr wird ihm das Leben schenken, dem, der sündigt nicht zum Tode;“ und wieder: 10 [S. 273] „Ist Einer unter euch krank, so rufe er die Priester der Kirche zu sich, und sie, sollen über ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben; und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird es ihm leichter machen, und wenn er in Sünden ist, werden sie ihm vergeben werden.“ Zuweilen wird die Sündenmakel auch durch das Verdienst der Barmherzigkeit und der Treue ausgebrannt nach jener Stelle: 11 „Durch Barmherzigkeit und Treue wird man rein von Sünde;“ häufig auch durch die Bekehrung und Rettung Derjenigen, welche durch unsere Ermahnung und Predigt zum Heile kommen; denn: 12 „Wer einen Sünder zur Bekehrung brachte von dem Irrthume seines Weges, rettet dessen Seele vom Tode und bedeckt die Menge von Sünden.“ Ebenso gelangen wir durch unsere eigene Nachsicht und Verzeihung zur Nachlassung unserer Vergehen; denn: „Wenn ihr den Menschen ihre Sünden vergebet, so wird euer himmlischer Vater auch euch eure Sünden verzeihen.“ Ihr sehet also, welche Zugänge zur Barmherzigkeit die Güte des Erlösers eröffnet hat, damit Niemand, der nach dem Heile verlangt, von Verzweiflung gebrochen werde, wenn er sieht, daß er durch solche Hilfsmittel zum Leben eingeladen werde. Denn wenn du vorgibst, du könnest wegen Leibesschwäche deine Sünden nicht durch die Plage der Fasten abbüßen, und wenn du nicht sagen kannst: 13 „Meine Kniee sind schwach vom Fasten, und mein Fleisch ist verändert wegen des (mangelnden) Öles; denn Asche aß ich als Brod, und meinen Becher mischte ich mit Thränen:“ nun, so taufe dich los durch die Freigebigkeit in Almosen! Oder hast du nicht, was du dem Darbenden mittheilen könntest? Es schließt zwar von diesem Werke Keinen der Zwang der Noth und Armuth aus, da ja die zwei Heller jener Wittwe 14 den großen Gaben der Reichen vorgezogen werden und der Herr für einen Becher [S. 274] frischen Wassers Lohn zu geben verspricht; — aber du kannst doch sicherlich durch die Besserung der Sitten gereinigt werden. Wenn du die Vollkommenheit der Tugend durch Ausrottung aller Laster nicht erreichen kannst, so wende eine fromme Sorgfalt darauf, fremdem Heile zu dienen. Wenn du aber klagst, daß du für diesen Dienst nicht tauglich seiest, so kannst du durch den Affekt der Liebe die Sünden bedecken. Wenn dich eine gewisse Trägheit des Geistes auch hierin schwach macht, so bitte, in demüthiger Stimmung dich erniedrigend, wenigstens durch das Gebet und die Fürsprache der Heiligen um Heilmittel für deine Wunden! Endlich, wo gibt es Einen, der nicht flehend sagen könnte: „Meine Sünde habe ich dir bekannt gemacht und meine Ungerechtigkeit nicht verborgen,“ damit er durch dieses Bekenntniß verdiene, vertrauensvoll beizufügen: „Und du hast verziehen die Ruchlosigkeit meines Herzens“? Wenn du dich nun scheuest, vor den Menschen Etwas zu offenbaren, weil die Scham dich zurückhält, 15 so höre nicht auf, in beständigem Flehen es Jenem zu bekennen, dem es nicht verborgen sein kann, und zu sprechen: 16 „Ich erkenne meine Ungerechtigkeit, und meine Sünde ist immer vor mir; dir allein habe ich gesündigt und Böses vor dir gethan.“ Er ist ja gewöhnt, auch ohne jene beschämende [S. 275] Öffentlichkeit zu heilen und ohne Schmach die Sünden nachzulassen. Nach diesem so zugänglichen und sichern Hilfsmittel hat uns die göttliche Herablassung auch noch ein anderes, leichteres geschenkt und die Heilshilfe selbst unserm freien Willen übergeben, so daß wir die Verzeihung unserer Sünden je nach unserer eigenen Gesinnung annehmen dürfen, indem wir zu Gott sprechen: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern.“ Wer also immer zur Tilgung seiner Sünden zu gelangen wünscht, der suche sich in diesen Mitteln zurecht zu finden und nehme nicht in der Verstocktheit seines verhärteten Herzens der Quelle einer so großen Liebe das heilsame Mittel hinweg, weil, wenn wir auch all Dieses gethan haben, es doch nicht im Stande sein wird, unsere Laster zu sühnen, wenn nicht die Güte und Milde des Herrn sie tilgt, der, wenn er sieht, wie wir die Leistungen unseres frommen Versuches in flehendem Geiste ihm darbringen, die geringen und kleinen Versuche mit unermeßlicher Freigebigkeit begleitet, 17 da er sagt: „Ich bin es, ich bin es, der ich deine Ungerechtigkeiten tilge um meinetwillen und deiner Sünden nicht mehr gedenke.“ Wer also immer zu dem vorgenannten Zustande gelangt ist, der wird die Gnade der Genugthuung durch tägliche Fasten und durch die Abtödtung des Herzens und Körpers erlangen, weil es, wie geschrieben steht, 18 ohne Blutvergießung keine Verzeihung gibt. Und nicht mit Unrecht: denn Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht besitzen, und wer also immer das Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist, von dieser Blutvergießung abhalten will, der wird ohne Zweifel mit jener Verwünschung des Propheten Jeremias bestraft werden, da er sagt: 19 „Verflucht sei, wer sein Schwert zurückhält vom Blute.“ Dieß ist nemlich das Schwert, welches jenes [S. 276] schädliche Blut, durch das der Sündenkörper belebt wird, heilsam vergießt und, was es immer in unsern Gliedern Fleischliches oder Irdisches zusammengewachsen findet, zurückschneidet und abbaut und so die den Lastern Erstorbenen für Gott leben und in geistigen Tugenden erblühen macht. Dann wird Einer schon nicht mehr wegen der Erinnerung an die vergangene That, sondern aus Hoffnung auf die zukünftigen Freuden zu weinen beginnen, und nicht so fast des vergangenen Bösen als des zukünftigen Guten gedenkend wird er nicht aus Trauer über die Sünden, sondern aus Jubel über jene ewige Wonne Thränen vergießen, und vergessend Das, was rückwärts liegt, nemlich die fleischlichen Laster, wird er sich ausstrecken nach Dem, was vorwärts ist, nemlich den geistigen Gaben und Tugenden.

1: Die Taufgnade, welche das Marterthum als Bluttaufe mittheilt.
2: Apostelg. 3, 19.
3: I. Petr. 4, 8.
4: Jes. Sir. 3, 33.
5: Ps. 31, 5.
6: Isai. 43, 26.
7: Ps. 24, 18.
8: Isai. 1, 16. 17.
9: I. Joh. 5, 16.
10: Jak. 5. 14. 15. Diese Stelle ist weniger gut gewählt, da hier nicht von dem Verdienste des Privatgebetes, sondern von der Wirkung des Sakramentes der letzten Oelung die Rede ist.
11: Sprüchw. 15, 27.
12: Jak. 5, 20.
13: Ps. 108, 24.
14: Luk. 21, 2.
15: Dieß ist natürlich nicht gegen das Institut der Beicht anzuführen, da es sich hier um das damals noch öfter übliche Bekenntniß vor ganzer Gemeinde und wohl auch nur um läßliche Sünden handelt. Die Beicht, als göttliche Einsetzung, war zu allen Zeiten in der Kirche das einzige ordentliche Mittel zur Vergebung schwerer Sünden und konnte nur durch vollkommene Reue mit dem Verlangen nach der Beicht ersetzt werden. Darnach sind auch die obigen verschiedenen Wege zur Sühnung zu beurtheilen, die alle nicht von der Todsünde und ewigen Strafe, sondern nur von läßlichen Sünden, zeitlichen Strafen und der Erlangung einer gewissen Disposition für die wahre Bußgnade gemeint sein können.
16: Ps. 50, 5.
17: Hier ist ein Anklang an die Irrthümer der 13. Unterredung, als könnten wir Versuche machen vor der Gnade!
18: Hebr. 9, 22.
19: Jerem. 48, 10.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Gregor Emmenegger