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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwanzigste Unterredung, welche die des Abtes Pinusius ist über das Ziel der Buße und die Genugthuung.

[S. 270] 7. Antwort, wie weit die Erinnerung an die frühern Thaten gehen soll.

Pinusius: Eure Frage ging, wie schon oben gesagt wurde, nicht nach der Beschaffenheit der Buße, sondern nach ihrem Ziele und nach dem Kennzeichen der Genugthuung, worauf, wie ich glaube, passend und folgerichtig geantwortet wurde. Übrigens ist Das, was ihr von dem Andenken an die Sünden gesagt habt, nützlich und nothwendig genug, aber für Jene, welche noch Buße thun, damit sie, beständig an ihre Brust klopfend, rufen: 1 „Ich erkenne meine Bosheit, und meine Sünde ist immer gegen mich.“ Auch jenes Wort: 2 „Und gedenken will ich meiner Sünde.“ So lange wir also Buße thun, und noch von der Erinnerung an die lasterhaften Handlungen gequält werden, ist es nöthig, daß der Thränenstrom, der aus dem Bekenntnisse unserer Schuld entsteht, das Feuer unseres Gewissens auslösche. Wenn aber Einem, der in dieser Geistesdemuth und Herzenszerknirschung sich befestigt hat und in Mühsal und Seufzen ausdauert, die Erinnerung an diese Dinge eingeschlafen ist und der Stachel des Gewissens durch die Gnade des erbarmungsvollen Gottes aus dem Marke der Seele ausgerissen wurde, so ist es gewiß, daß er zum Ende der Genugtuung und zum Verdienste der Verzeihung gekommen und von dem Schmutze aller Verbrechen gereinigt sei. Aber zu dieser Vergessenheit gelangt man nicht anders als durch Vertilgung der allen Laster und Neigungen und durch die vollkommene und unverletzte Reinheit des Herzens. Diese erreicht ohne Zweifel Keiner von Jenen, welche aus Trägheit oder Gleichgütigkeit vernachlässigen, sich von ihren Lastern zu reinigen, sondern nur, wer in der bittern Beständigkeit des Klagens und Seufzens verharrt, alle Flecken des alten Schmutzes ausbrennt und voll Herzens- und Thatkraft zu Gott ruft: 3 „Mein Vergehen machte ich [S. 271] dir bekannt und meine Ungerechtigkeit verbarg ich nicht“: und: 4 „Es sind mir meine Thränen zur Speise Tag und Nacht“, damit er in Folge dessen zu hören verdiene: 5 „Es ruhe deine Stimme vom Schluchzen und deine Augen von den Thränen, weil der Lohn kommt für dein Werk, spricht der Herr.“ Auch das möchte in ähnlicher Weise von der Stimme des Herrn an ihn gerichtet werden: 6 „Ich vernichtete deine Unthaten wie eine Wolke, und wie den Nebel deine Sünden.“ — Und wieder: 7 „Ich hin es, der ich deine Ungerechtigkeiten vertilge um meinetwillen, und deiner Sünden nicht mehr gedenke.“ Und so wird Jeder, wenn er von den Sündenstricken, mit denen er gebunden war, frei ist, dem Herrn mit aller Danksagung singen: 8 „Du zerrissest meine Bande, dir will ich ein Opfer des Lobes dringen.“

1: Ps. 50, 3.
2: Ps. 37, 19.
3: Ps. 31, 5.
4: Ps. 41, 4.
5: Jerem. 31, 16.
6: Is. 44, 22.
7: Is. 43, 25.
8: Ps. 115, 7. 8.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger