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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebzehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Joseph ist, über das Entscheiden.

[S. 204] 26. Daß die göttliche Güte nicht nach der Unermeßlichkeit ihres Vorherwissens, sondern nach den gegenwärtigen Thaten einen Jeden belohnt oder straft.

Das auch lernen wir vor Allem aus jenem unschätzbaren Strafurtheil, daß der Herr, obwohl ihm das Ende eines Jeden vor dem Anfange bekannt ist, doch so nach gewöhnlicher Ordnung und allgemeiner Denkweise und gewissermaßen nach menschlichen Empfindungen Alles anordnet, daß er nicht nach dem im Keime Vorhandenen und nicht nach der unaussprechlichen Kenntniß seines Vorherwissens, sondern nach den gegenwärtigen Thaten der Menschen Alles beurtheilt und so Jeden verwirft oder anzieht, seine Gnade täglich eingießt oder wegnimmt. Daß Dieß so sei, zeigt auch jene Erwählung Sauls, den er, obwohl in seinem Vorherwissen dessen tadelnswerthes Ende ihm kund sein mußte, doch aus so vielen Tausenden Israels erwählte und zum Könige salbte, indem er an ihm das Verdienst des gegenwärtigen Lebens lohnte, nicht aber die Sünde der zukünftigen Untreue berücksichtigte; so daß er nach dessen Verwerfung gleichsam in Reue über seine Wahl wie mit menschlichen Worten und Empfindungen über ihn klagt und spricht: 1 „Es reut mich, daß ich Saul zum Könige aufgestellt habe, weil er mich verließ und meine Worte nicht in der That erfüllte.“ Und wieder: „Aber es betrauerte Samuel den Saul, weil es den Herrn reute, ihn [S. 205] zum Könige über Israel gemacht zu haben.“ Während nun Dieß der Herr in der That geübt hatte, bezeugt er nachher durch den Propheten Ezechiel, daß er mit allen Menschen in den täglichen Entscheidungen so verfahren werde, und spricht: 2 „Wenn ich auch dem Gerechten gesagt habe, daß er leben werde, und er übt im Vertrauen auf seine Gerechtigkeit Unrecht, so soll all sein Rechtthun der Vergessenheit übergeben werden und er wird sterben in dem Unrecht, das er gethan hat. Wenn ich aber dem Gottlosen gesagt habe: „Du wirft des Todes sterben“ — und er thut Buße für seine Sünde, übt Recht und Gerechtigkeit, so daß zurückgibt das Pfand dieser Frevler, den Raub erstattet und nach den Geboten des Lebens wandelt ohne wieder Unrecht zu thun: so wird er das Leben haben und nicht des Todes sein, und alle Sünden, die er begangen, werden ihm nicht angerechnet werden.“ Endlich, da der Herr von jenem Volke, das er aus allen Völkern sich erwählt hatte, wegen jenes plötzlichen Abfalles zum Kalbe seinen barmherzigen Blick abgewendet hatte, da rief der Gesetzgeber in seiner Fürbitte für Dasselbe aus: 3 „Ich beschwöre dich, o Herr, gesündigt hat dieß Volk in großer Sünde, indem sie sich goldene Götter machten; nun aber, wenn du erlassen willst ihre Sünde, so erlasse sie; wenn aber nicht, so tilge mich aus dem Buche, das du geschrieben hast.“ Ihm antwortete der Herr und sprach: „Wenn Jemand gegen mich gesündigt hat, den werde ich aus meinem Buche tilgen.“ Auch David spricht, da er über Judas und die Verfolger Christi in prophetischem Geiste klagt: 4 „Sie mögen getilgt werden aus dem Buche der Lebendigen.“ Und weil sie nicht würdig waren, zu heilsamer Buße für die Schuld eines solchen Verbrechens zu gelangen, so fügt er bei: „Und mit den Gerechten sollen sie nicht geschrieben stehen.“ Nun bei Judas selbst zeigte sich die Kraft des prophetischen Fluches voll und augenscheinlich. Denn nachdem er das Verbrechen des [S. 306] Verrathes ausgeführt hatte, tödtete er sich selbst durch Erhängen, damit er nicht verdienen könne, wieder mit den Gerechten im Himmel geschrieben zu werden, wenn er sich allenfalls nach jener Austilgung seines Namens zur Buße gewendet hätte. Es ist also kein Zweifel, daß auch der Name des Judas damals, als er von Christus die Würde des Apostolates erhielt, im Buche der Lebendigen geschrieben stand, und daß er gleichfalls mit den Übrigen gehört habe: „Freuet euch nicht darüber, daß euch die Teufel unterworfen sind, freuet euch vielmehr darüber, daß eure Namen im Himmel eingeschrieben sind.“ 5 Weil er aber von der Pest der Geldgier verdorben war und von der himmlischen Auszeichnung zur Erde gestürzt wurde, so heißt es ganz passend von ihm und Ähnlichen beim Propheten: 6 „Herr, Alle, welche dich verlassen, mögen beschämt werden; die von dir abweichen, sollen in den Staub geschrieben werden; denn verlassen haben sie den Herrn, die Quelle der lebendigen Wasser.“ Und anderswo: 7 „Im Rathe meines Volkes werden sie nicht sein, und in der Aufzeichnung des Hauses Israel werden sie nicht geschrieben sein, und in das Land Israel werden sie nicht eingehen.“

1: I. Kön. 15, 11. 35.
2: Ezechiel 33, 13 ff.
3: Exod. 32, 31 ff.
4: Ps. 68, 29.
5: Luk. 10, 20.
6: Jerem. 17, 13.
7: Ezech. 13, 9.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger