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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebzehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Joseph ist, über das Entscheiden.

25. Zeugnisse der Schriften über veränderte Entscheidungen.

Es ist uns unmöglich, Alles kurz zu durchgehen. Denn [S. 198] wer vermöchte aufzuzählen, wie fast alle Patriarchen und und unzählige Heilige, die Einen zum Schutze ihres Lebens, die Andern aus Verlangen nach Segen, die Einen, um ein Geheimniß zu verbergen, die Andern aus Eifer für Gott und wieder Andere zur Erforschung einer Wahrheit — den Schutz der Lüge, um mich so auszudrücken, angenommen haben. Wie all Dieß nicht aufgezählt werden kann, so darf auch nicht Alles übergangen werden. Denn den heiligen Joseph trieb die Liebe an, den Brüdern ein unwahres Verbrechen sogar mit einer Betheurung beim Heile des Königs aufzubürden, da er sagte: 1 „Ihr seid Kundschafter, und seid gekommen, die Schwächen des Landes zu erspähen.“ Und dann sprach er: „Sendet Einen aus euch und führet euren Bruder hieher; ihr aber sollt hier bewacht werden, bis eure Worte aufgeklärt sind, ob ihr die Wahrheit redet oder nicht; wenn nicht, so seid ihr Spione, beim Heile Pharaos.“ Wenn er sie nemlich nicht durch diese barmherzige Lüge erschreckt hätte, so hätte er weder den Vater und Bruder sehen, noch sie in den so großen Gefahren der Noth ernähren können, und hätte das Gewissen der Brüder von der Schuld, ihn verkauft zu haben, nicht zu reinigen vermocht. Es war also nicht so tadelnswerth, den Brüdern durch eine Lüge Furcht eingeflößt zu haben, als es heilig und lobenswerth war, unter dem Vorwande einer erdichteten Gefahr seine Feinde und Verkäufer zu einer heilsamen Buße gebracht zu haben. Nun, da sie durch die Mißgunst der so schweren Andichtung bedrängt waren, wurden sie nicht durch das Bewußtsein des fälschlich vorgeworfenen, sondern des früheren Verbrechens gebrochen und sprachen zu einander: „Mit Recht leiden wir Das, weil wir gegen unsern Bruder sündigten und die Trübsal seines Herzens nicht achteten, da er uns bat, und wir ihn nicht erhörten; deßhalb kommt uns all dieß Leid.“ Dieses Bekenntniß hat nicht nur den Bruder versöhnt, gegen den sie mit ruch- [S. 199] loser Grausamkeit gesündigt hatten, sondern auch durch die so heilsame Demuth ihr großes Verbrechen, wie wir glauben, gesühnt. Wie ist es mit Salomon, der die von Gott erlangte Gabe der Weisheit in seinem ersten Urtheile nur durch Annahme einer Lüge bewies. 2 Denn um die Wahrheit, welche durch die Lüge des Weibes verdeckt war, herauszudrängen, bediente auch er sich einer gewiß sehr schlau ausgedachten Lüge, indem er sagte: „Bringet mir ein Schwert! und theilet das lebendige Kind in zwei Theile und gebt die Hälfte der Einen und die Hälfte der Andern.“ Als diese geheuchelte Grausamkeit das Herz der wahren Mutter erschüttert hatte, von der Andern aber, welche nicht die Mutter war, gelobt wurde, da erst that er in dem weisesten Urtheile der Wahrheit jenen Ausspruch, von welchem Jedermann glaubt, daß er von Gott eingegeben worden sei, und sprach: „Gebt dieser das lebendige Kind, und es soll nicht getödtet werden, denn diese ist die Mutter desselben.“ Daß wir ferner weder Pflicht noch Macht haben, Alles zu erfüllen, was wir, sei es mit ruhigem, sei es mit erregtem Gemüthe, beschlossen haben, darüber werden wir auch in andern Schriftstellen noch reichlicher belehrt, in welchen wir lesen, daß heilige Männer oder Engel oder der allmächtige Gott selbst oft Das, was sie beschlossen hatten, änderten. Denn der hl. David hatte mit eidlicher Erklärung beschlossen und gesprochen: 3 „Das thue Gott den Feinden Davids und noch Anderes, wenn ich von Allem, was Nabal gehört, bis morgen übrig lasse, was an die Wand pissen könnte.“ Sogleich aber als Abigail, die Gattin von Jenem, dazwischenkam und für ihn bat, ließ er ab von den Drohungen, milderte seinen Ausspruch und wollte lieber für einen Übertreter seines Vorsatzes gehalten werden, als seinen Schwur mit Verübung von Grausamkeiten erfüllen. „So wahr der Herr lebt,“ sprach er, „wenn du nicht schnell mir entgegengekommen wärest, so wäre dem Nabal bis zum Morgenlicht [S. 200] nicht geblieben, was an die Wand pißt.“ Wie wir nun glauben, daß an David diese Leichtigkeit des voreiligen Schwures, die von der Aufregung des erzürnten Geistes kam, durchaus nicht nachzuahmen sei, so erklären wir bestimmt, daß man ihm im Aufgeben und Verbessern des Entschlusses folgen müsse. Das Gefäß der Auserwählung schreibt an die Korinther und verspricht seine Rückkehr mit entschiedener Erklärung in den Worten: 4 „Ich werde aber zu euch kommen, wenn ich Macedonien durchzogen haben werde. Denn Macedonien werde ich durchreisen, bei euch aber werde ich 5 bleiben oder auch überwintern, damit ihr mich geleitet, wohin immer ich reisen werde. Denn ich will euch nicht jetzt im Vorübergehen sehen, sondern ich hoffe, einige Zeit bei euch zu bleiben.“ Diese Sache erwähnt er nun auch im zweiten Briefe folgendermaßen: 6 „Und mit dieser Zuversicht wollte ich zuerst zu euch kommen, damit ihr einen zweiten Gnadenerweis hättet, und wollte bei euch durchreisen nach Macedonien und von Macedonien her wieder zu euch kommen und von euch geleitet werden nach Judäa.“ Aber er gesteht ganz deutlich, daß er dieß Versprochene nicht ausgeführt habe, weil ihm nachher ein heilsamerer Plan gekommen sei. „Als ich nun Dieses wollte,“ sagt er, „bin ich etwa mit Leichtsinn verfahren? Oder was ich beabsichtige, denke ich es fleischesgemäß, so daß bei mir Ja und Nein sei?“ Endlich erklärt er selbst mit Bekräftigung eines Eides, warum er lieber sein gegebenes Wort habe lassen wollen, als den Jüngern durch seine Ankunft eine lästige Traurigkeit verursachen. „Ich aber rufe Gott als Zeugen an für meine Seele, daß ich um euer zu schonen nicht wieder nach Korinth gekommen bin … Entschieden aber habe ich bei mir selbst, nicht wieder mit [S. 201] Trauer zu euch zu kommen.“ 7 Als die Engel zu Sodoma verweigert hatten, das Haus des Lot zu betreten, indem sie zu ihm sagten: 8 „Wir werden nicht eintreten, sondern auf der Straße bleiben“, da wurden sie sogleich durch dessen Bitten bewogen, den ausgesprochenen Entschluß zu ändern, wie die Schrift beifügt: „Und es nöthigte sie Lot, und sie kehrten bei ihm ein.“ Wenn diese nun wußten, daß sie bei ihm einkehren würden, so haben sie die Bitte des Einladenden mit erheuchelter Entschuldigung abgewiesen; wenn sie sich aber im Ernste entschuldigten, so ist klar erwiesen, daß sie ihren Entschluß geändert haben. Das hat doch wohl der hl. Geist aus keiner andern Ursache, wie wir glauben, den hl. Büchern eingefügt, als daß wir durch diese Beispiele belehrt werden, nicht hartnäckig auf unsern Entscheidungen zu beharren, sondern sie in der Gewalt unseres freien Willens zu halten und so unser Endurtheil von allen Banden der Verpflichtung frei zu bewahren, damit es fähig sei, dorthin zu folgen, wohin es ein heilsamer Rath zieht, ohne sich zu sperren oder zu weigern, zu Dem ohne Zaudern überzugehen, was heilsame Klugheit als nützlicher erkannt hat. — Und nun, um zu noch höhern Beispielen aufzusteigen: Den König Ezechias, der auf seinem Bette lag und an schwerer Krankheit litt, redete der Prophet Isaias 9 im Namen Gottes an und sprach: „Das spricht der Herr: Ordne dein Haus, denn du wirst sterben und nicht leben.“ Und es wandte, heißt es, Ezechias sein Angesicht gegen die Wand, betete zum Herrn und sprach: „Ich beschwöre dich, o Herr, gedenke doch, ich bitte dich, wie ich wandelte vor dir in Wahrheit und vollkommenem Herzen und wie ich that, was gut ist vor deinen Augen.“ Und Ezechias weinte heftig. Darnach wird wieder zu demselben (Propheten) gesagt: „Kehre zurück und sage Ezechias, dem König von Juda: „Das spricht der Herr, der Gott Davids, deines Vaters: „Ich hörte dein Gebet und sah deine Thräne, und ich [S. 202] will zu deinen Tagen legen fünfzehn Jahre, will dich befreien von der Hand des Königs der Assyrer und will diese Stadt beschützen um meinetwillen und um Davids, meines Dieners willen.““ Was ist nun deutlicher als dieses Zeugniß, nach welchem der Herr aus Barmherzigkeit und Güte lieber sein Wort zurücknehmen und das Leben des Bittenden um fünfzehn Jahre verlängern will, bis es die Grenzen des vorbestimmten Todes erreicht, als daß er durch Unveränderlichkeit seines Beschlusses als unerbittlich erfunden werde. Ähnlich ergebt an die Niniviten das göttliche Strafurtheil: 10 „Noch drei Tage, und Ninive wird zerstört werden.“ Aber bald wird wegen der Reue und des Fastens derselben der so drohende und schroffe Ausspruch gemildert und neigt sich in bereitwilliger Güte auf die Seite des Erbarmens. Wenn nun Jemand behaupten wollte, der Herr habe in seinem Vorherwissen ihrer Bekehrung ihnen die Zerstörung der Stadt dazu angedroht, daß er sie zu einer heilsamen Buße rufe, so folgt, daß auch Jene, welche den Brüdern vorstehen, ohne den Vorwurf der Lüge zu verdienen, denen, welche der Besserung bedürfen, etwas Ärgeres, wenn es nöthig ist, androhen dürfen, als sie thun wollen. Es könnte aber Einer sagen, Gott habe jenes sein strenges Urtheil in Rücklicht auf ihre Buße zurückgenommen, so wie er bei Ezechiel sagt: 11 „Wenn ich dem Gottlosen gesagt habe: „„Du wirst des Todes sterben““ — und er thut Buße für seine Sünde und übt Recht und Gerechtigkeit, so wird er leben und nicht sterben.“ Nun dann werden wir ja durch diese Beispiele belehrt, daß wir nicht hartnäckig auf unsern Entscheidungen beharren, sondern die je nach Nothwendigkeit hingeworfene Drohung mit gütigem Erbarmen mildern sollen. Damit man nun nicht glaube, daß Gott nur gerade den Niniviten allein Dieß gethan habe, bezeugt der Herr durch den Propheten Jeremias, daß er überhaupt [S. 203] gegen Alle Dasselbe thun wolle, und verspricht, daß er unverweilt, wenn es nöthig ist, sein Urtheil je nach unsern Verdiensten ändern wolle, indem er sagt: 12 „Plötzlich werde Ich reden wider ein Volk und wider ein Reich, daß ich es ausreissen und zerstören und zerstreuen wolle. Wenn aber jenes Volk Reue hat wegen des Bösen, das ich ihm beredet habe, so will auch ich Reue haben über das Übel, das ich ihm anzuthun gedachte. — Und unvermuthet werde ich von einem Volke oder Reiche sagen, daß ich es bebauen und bepflanzen will. Wenn es aber Böses thut vor meinen Augen, so daß es meine Stimme nicht hört, so will ich Reue haben wegen des Guten, wovon ich sagte, daß Ich es ihm thun will.“ Auch zu Ezechiel 13 sagt er: „Laß kein Wort hinweg, ob sie nicht vielleicht doch hören und Jeder sich bekehre von seinem bösen Wege, und es wird mich gereuen des Übels, das ich ihnen anzuthun dachte wegen der Bosheit ihres Strebens.“ Durch diese Zeugnisse wird erklärt, es sei nicht nöthig, daß wir hartnäckig an unsern Entscheidungen hängen, sondern daß wir dieselben durch Vernunft und Urtheil mäßigen, immer das Bessere wählen und vorziehen und ohne jede Zögerung uns nach der Seite hinbegeben müssen, welche als die nützlichere erkannt wurde. 14

1: Gen. 42, 9. 16.
2: III. Kön. 3, 24 ff.
3: I. Kön. 25, 22.
4: I. Kor. 16, 5. 6.
5: Hier steht in der hl. Schrift „vielleicht“, was der Abt Joseph übersehen hat.
6: II. Kor. 1, 15 ff.
7: II. Kor. 2, 1.
8: Gen. 19, 1—3
9: Isai. 38, 1—6.
10: Jon. 3, 4. Anders die Vulgata.
11: Ezech. 33, 14. 15.
12: Jerem. 18, 7. 8.
13: Die Stelle steht aber bei Jerem. 26, 2. 3.
14: Durch das ganze Kapitel zieht sich der gleiche Fehler, daß berechtigte Zurückhaltung oder Sinnesänderung wie Lüge behandelt und diese mithin als erlaubt und durch der Heiligen ja fast Gottes Beispiel gerechtfertigt hingestellt wird. Hatte z. B. der ägyptische Joseph nicht ein Recht, den Brüdern gegenüber den Landesfürsten vorzukehren und sie zu prüfen, wie jeder solche die Fremden prüft? Auch Salomon hatte ein Recht, von der Tödtung des Kindes zu reden, um zu sehen, welchen Eindruck eine solche Rede auf die Mütter machen würde. Was Davids Beispiel lehren soll, daß man im Bösen nicht verharren dürfe, ist gar zu klar und beweist Nichts für das Hauptthema. Die Engel haben dem Lot nur die erste Einladung abgeschlagen, was weder eine Verstellung war, noch ein Verzicht darauf, die zweite anzunehmen. Was nun von Gott gesagt ist betreffs des Ezechias, der Niniviten und anderer Sünder, so waren diese Drohungen Gottes von vornherein nicht absolut, sondern bedingt gemeint, wie ja in manchen Stellen ausdrücklich gesagt ist. Jedenfalls klingt es etwas sonderbar, wenn als Rechtfertigung der menschlichen Sinnesänderung solche vermeintlichen Aenderungen Gottes angeführt werden. Die einfache allgemeine Wahrheit, daß Menschen ihren Sinn ändern können und unter Umständen dürfen oder gar sollen und müssen, hätte wohl keines solchen Aufwandes von Beweisen bedurft.

 

 

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