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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebzehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Joseph ist, über das Entscheiden.

20. Daß auch die Apostel häufig die Lüge für verzeihlich und die Wahrheit für schädlich hielten.

Durch diese Beispiele belehrt, ermahnen auch der heilige Apostel Jakobus und alle die vornehmsten Vorsteher jener ersten Kirche den Apostel Paulus, zu Täuschung und Verstellung sich herbeizulassen, gemäß der Unbebilflichkeit des Schwachen, und bestimmen ihn, sich zu reinigen nach Gesetzesbrauch, das Haupt zu scheeren und Gelübde darzubringen. Den augenblicklichen Verlust, der aus dieser Verstellung entstand, hielten sie für Nichts, sondern sahen vielmehr auf den Gewinn, der aus seiner langen Predigt zu erreichen war. Denn es wäre dem Apostel Paulus aus seiner Strenge hierin nicht so viel an Gewinn zugegangen, als allen Heiden an Nachtheil durch seinen plötzlichen Tod. 1

[S. 190] Das wäre aber ohne Zweifel damals der ganzen Kirche begegnet, wenn ihn nicht diese nützliche und heilsame Verstellung der evangelischen Predigt erhalten hätte. Denn dann beruhigt man sich notwendig und verzeihlich bei dem Schaden der Lüge, wenn, wie gesagt, ein größerer Verlust durch das Bekenntniß der Wahrheit droht, und der Nutzen, der uns durch die Wahrheit zu Theil wird, jene aus ihr entstehenden Nachtheile nicht auszugleichen vermag. 2 Der hl. Apostel bezeugt auch mit andern Worten, daß er diese Mäßigung immer eingehalten habe. So sagt er: 3 „Ich bin geworden den Juden gleichsam Jude, damit ich die Juden gewinne; denen, die unter dem Gesetze sind, als wäre ich unter dem Gesetz, — obgleich ich selbst nicht unter dem Gesetze bin — damit ich die, welche unter dem Gesetze sind, gewinne; denen, die ohne Gesetz sind, als wäre ich ohne Gesetz, — obgleich ich ohne Gesetz Gottes nicht bin, sondern im Gesetze Christi — damit ich die gewinne, welche ohne Gesetz waren. Ich bin den Schwachen geworden wie ein Schwacher, damit ich die Schwachen gewänne; Allen bin ich Alles geworden, damit ich Alle rette.“ Was zeigt er nun hiemit Anderes, als daß er je nach der Schwachheit oder dem Maße Derjenigen, welche unterrichtet wurden, sich immer herabgelassen und von der Strenge der Vollkommenheit Etwas nachgelassen habe, und daß er nicht Das festhielt, was die starre Strenge zu fordern schien, sondern eher Das vorgezogen habe, was der Nutzen der Schwachen forderte? Um nun Dieß genauer durchzunehmen und die Banner der apostolischen Tugenden einzeln zu entfalten, so möge Einer fragen, wie der hl. Apostel bewähre, daß er seine Person Allen in allen Dingen angepaßt habe? Wo er den Juden geworden sei wie ein Jude? Wahrhaftig damals, als er zwar im innersten Herzen jenen Ausspruch bewahrte, den er den Galatern geschrieben hatte: 4 „Seht, [S. 191] ich Paulus sage euch, daß euch Christus Nichts nützen wird, wenn ihr euch beschneiden lasset“ — aber dennoch bei der Beschneidung des Timotheus gleichsam den Schein der judäischen Gläubigkeit annahm. Und wieder, wo ist er Denen, die unter dem Gesetze wären, geworden, als wäre er unter dem Gesetze? Ja, damals, als Jakobus und alle Ältesten der Kirche fürchteten, es möchte die Menge gläubiger Juden oder judaisirender Christen, welche den Glauben Christi so angenommen hatten, daß sie noch im Gebrauche der gesetzlichen Ceremonien befangen waren, über ihn herfallen und sie nun seiner Gefahr mit diesem Rathe und Zusprache zu Hilfe eilten, daß sie sagten: „Du siehst, Bruder, wie viele Tausende unter den Juden sind, welche glauben, und diese Alle sind Gesetzeseiferer. Sie hörten aber von dir, daß du jene Juden, welche unter den Heiden leben, die Trennung von Moses lehrest, indem du sagest, sie dürfen ihre Söhne nicht beschneiden.“ Dann weiter: „Thue also, was wir sagen. Wir haben vier Männer zur Hand, die ein Gelübde auf sich haben. Diese nimm zu dir und heilige dich mit ihnen, und bezahle für sie, so daß sie das Haupt scheeren, und hiemit werden Alle wissen, daß falsch ist, was sie von dir gehört haben, und daß du selbst in der Beobachtung des Gesetzes wandelst.“ 5 Und so läßt er sich für das Heil Jener, die unter dem Gesetze waren, dahin bringen, mit kurzer Niederhaltung jenes strengen Ausspruches, in welchem er gesagt hatte: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetze gestorben, um Gott zu leben“ — er läßt sich dahin bringen, das Haupt zu scheeren, sich nach dem Gesetze zu reinigen, und im mosaischen Tempel vorschriftsgemäß Gelübde darzubringen. Du fragst auch, wo er für das Heil Jener, die über das Gesetz des Herrn völlig in Unwissenheit waren, ein Gesetzloser geworden sei, als ob auch er ohne Gesetz sei? Lies, welches Anfanges der Predigt er sich bedient habe in Athen, der Stadt der Heiden, [S. 192] wo die Gottlosigkeit herrschtet. 6 „Im Vorbeigehen, sagt er, sah ich eure Götterbilder und einen Altar, auf welchem geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte!“ Als er so den Eingang der Rede von ihrem Aberglauben genommen hatte, brachte er, als ob er selbst ohne Gesetz sei, bei Gelegenheit dieses profanen Titels ihnen den Glauben Christi bei, indem er sprach: „Was ihr also unwissend verehret, Das verkündige ich euch.“ Und kurz darauf wollte er, als ob er des göttlichen Gesetzes ganz unkundig wäre, lieber den Vers eines heidnischen Dichters, als einen Ausspruch Mosis oder Christi anführen und sprach: „Wie auch Einige eurer Dichter gesagt haben: Wir sind ja seines Geschlechtes.“ Als er sie nun mit ihren eigenen Zeugnissen, welche sie nicht zurückweisen konnten, angegriffen hatte, fügte er, das Wahre aus dem Falschen bestätigend, Folgendes bei: „Da wir nun vom Geschlechte Gottes sind, so dürfen wir nicht glauben, die Gottheit sei dem Golde oder Silber oder den Steinen, dem Gebilde der Kunst oder einer Erfindung der Menschen ähnlich.“ Den Schwachen aber wurde er ein Schwacher, als er in Nachsicht, nicht mit Befehl, Denen, die sich nicht enthalten konnten, erlaubte, auf Ebendasselbe 7 zurückzukommen; oder als er die Korinther mit Milch nicht (fester) Speise nährte und sagte, daß er in Schwachheit und Furcht und Zittern viel bei ihnen gewesen sei. 8 Allen aber ist er Alles geworden, um Alle zu retten, da er sagt: 9 „Wer ißt, verachte Jenen nicht, welcher nicht ißt, und wer nicht ißt, verurtheile nicht den Essenden!“ Und: 10 „Wer seine Jungfrau ehelich verbindet, thut gut; wer sie nicht verbindet, thut besser.“ Und anderswo sagt er: 11 „Wer wird schwach, und ich werde es nicht? Wer wird geärgert, und ich entbrenne nicht?“ Und so erfüllte er, was er den Korinthern geboten hatte, da er sprach: 12 „Ohne Anstoß seid für die [S. 193] Juden und Griechen und die Kirche Christi, wie auch ich in Allem Allen zu Gefallen bin, indem ich nicht suche, was mir nützlich ist, sondern den Vielen, damit sie gerettet werden.“ Denn ohne Zweifel war es nützlich, den Timotheus nicht zu beschneiden, das Haupt nicht zu scheeren, die judäische Reinigung nicht auf sich zu nehmen, die Bloßfüßigkeit 13 nicht mitzumachen, die gesetzmäßigen Gelübde nicht darzubringen; aber er thut Dieß alles, um für ihr Heil mehr Sorge zu tragen, weil er nicht sucht, was ihm, sondern was Vielen nützlich ist, damit sie gerettet werden. Wenn Dieß auch in Rücksicht auf Gott geschehen ist, so ist es doch nicht ohne Verstellung. Denn wer durch Das Gesetz Christi dem Gesetze gestorben war, um für Gott zu leben, wer jene Gesetzesgerechtigkeit, in welcher er ohne Tadel gewandelt war, für einen Schaden gehalten hatte, und sie für Auskehricht hielt, um Christum zu gewinnen: der konnte das Gesetzliche nicht in der wahren Stimmung des Herzens darbringen. Es ist auch nicht recht zu glauben, daß Derjenige in das von ihm selbst Verdammte zurückgefallen sei, der gesagt hatte: 14 „Wenn ich das wiederaufbaue, was ich zerstört hatte, so erweise Ich mich als Übertreter.“ Und so sehr wird nicht die That selbst, welche geschieht, sondern die Meinung des Handelnden mehr angerechnet, daß, wie wir finden, die Wahrheit Einigen geschadet, die Lüge genützt hat. Denn als der König Saul 15 vor seinen Dienern sich über die Flucht Davids beklagte und sprach: „Wird denn euch allen der Sohn des Jesse Äcker und Weinberge geben und euch alle zu Obersten und Hauptleuten machen, weil ihr euch verschworen habt alle gegen mich und Keiner ist, der mir Kunde gebe?“ — was hat da Doeg der Idumäer ihm Anderes als die Wahrheit verrathen, da er sagte: „Ich sah den Sohn des Jesse in [S. 194] Robe bei Achimelech dem Priester, der den Herrn für ihn befragte, ihm Speise gab, und auch das Schwert des Philisters Goliath ihm überließ.“ Für diese Wahrheit erwarb er sich, ausgerissen zu werden aus dem Lande der Lebendigen, und es heißt von ihm beim Propheten: 16 „Deßhalb wird Gott dich vernichten auf immer, dich wegraffen und reissen aus deinem Zelte, dich und deine Wurzel aus dem Lande der Lebendigen.“ Aus diesem Lande also wird Jener für die Anzeige der Wahrheit in ewiger Entwurzelung gerissen, während Rahab, die Buhlerin, für ihre Lüge sammt ihrer Verwandtschaft in Dasselbe verpflanzt wird. So erinnern wir uns auch, daß Samson jenen durch Lüge verborgenen Tag 17 zu seinem größten Verderben der ruchlosen Gattin in der Wahrheit offenbarte, und daß ihn die so unbedacht eröffnete Wahrheit deßhalb betrog, weil er es vernachlässigte, jenes Gebot des Propheten zu bewahren: „Vor Jener, die in deinem Schooße schläft, bewahre das Schloß deines Mundes!“ 18

1: Der Apostel Paulus hat sich in dem Apostelg. 21 erzählten Vorgange keiner Verstellung schuldig gemacht, sondern nur einer Erlaubniß bedient, welche die Kirche allen Judenschriften für jene Anfangszeit gegeben hatte, nemlich die fortdauernde Beobachtung des mosaischen Gesetzes unter der Bedingung, daß dieselbe nicht als zum Heile nothwendig angesehen werde. Deßhalb nahm Paulus offen das Nasiräat auf sich, um den Vorwurf, als befreie er die Heiden vom Gesetz aus Verachtung gegen Dasselbe, zu widerlegen.
2: Immer der gleiche, oben widerlegte Irrtum.
3: I. Kor. 9, 20 ff.
4: Gal. 5, 2.
5: Apostelg. 21, 20 ff.
6: Apostelg. 17, 23.
7: Die eheliche Beiwohnung.
8: I. Kor. 3, 2.
9: Röm. 14, 3.
10: I. Kor. 7, 38.
11: II. Kor. 11, 29.
12: I. Kor. 10, 32. 33.
13: Eine Ceremonie bei öffentlichen Bittgängen und wohl auch beim Nasiräat.
14: Gal. 2, 18.
15: I. Kön. 22, 7 ff.
16: Ps. 51, 7. Doeg bot sich einem grausamen, ungerechten Verfolger als Mithelfer und so Mitschuldiger an, und deßhalb wird er strafwürdig.
17: Wohl den Tag, an welchem er schwach werden würde durch Abschneiden der Haare? oder den Tag seines Nasiräats, der ihm die Stärke gebracht?
18: Mich. 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger