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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebzehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Joseph ist, über das Entscheiden.

19. Daß die Erlaubnis zur Lüge, die nicht einmal im alten Bunde gegeben war, von Vielen in verzeihlicher Weise genommen wurde.

Joseph: Jene Freiheit, viele Gattinnen und Beischläferinnen zu haben, mußte, da ja das Ende der Zeiten schon naht und die Vermehrung des menschlichen Geschlechtes erreicht ist, mit Recht als weniger nothwendig durch die evangelische Vollkommenheit abgeschafft werden. Denn bis zur Ankunft Christi wußte der Segen jenes uranfänglichen Ausspruches wirken, in welchem gesagt ist: „Wachset und vermehret euch und erfüllet die Erde!“ Und so war es sehr angemessen, daß aus jener Wurzel der menschlichen Fruchtbarkeit, welche in der Synagoge durch zeitgemäße Nachsicht zum (allgemeinen) Nutzen in Triebkraft war, die Blüthen der englischen Jungfräulichkeit hervorkamen und die süßduftenden Früchte der Enthaltsamkeit in der Kirche erzeugt wurden. Daß aber die Lügen auch damals schon verboten waren, zeigt deutlich der Text des ganzen alten Testamentes, der da sagt: „Du vernichtest Alle, die Lüge reden.“ Und wieder: „Süß ist dem Menschen das Brod der Lüge, aber nachher wird sein Mund erfüllt mit Kiesel.“ 1 Und der Gesetzgeber selbst sagt: 2 „Fliehe die Lüge“! Aber dann nur wurde dieselbe, wie wir sagten, in verzeihlicher Weise gewagt, wann ihr irgend eine Notwendigkeit oder heilsame Fügung zur Seite stand, wegen deren sie nicht verworfen zu werden brauchte. So ist Das, was ihr vom König David erwähnt habt, da er auf der Flucht vor der [S. 187] ungerechten Verfolgung Sauls bei dem Priester Achimelech nicht in der Absicht irgend eines Gewinnes und nicht mit dem Vorsatze, Jemanden zu schaden, sondern nur um sich selbst vor der so ruchlosen Verfolgung zu schützen, sich lügnerischer Worte bediente. Er wollte ja seine Hände nicht beflecken mit dem Blute des feindseligen Königs, der ihm doch von Gott so oft in die Hände geliefert worden war, und sprach: 3 „Gott sei mir gnädig, daß ich Dieß nicht thue meinem Herrn, dem Gesalbten des Herrn, daß ich meine Hand lege an ihn, denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ Und so können diese Freiheiten, welche, wie wir lesen, im alten Testamente von heiligen Männern entweder nach dem Willen Gottes oder zur Vorbildung geistiger Geheimnisse oder wegen des Heiles Einiger ausgeübt wurden, auch wir, insoweit als die Noth uns drängt, nicht aufgeben, so daß wir sehen, wie selbst die Apostel, wo es die Beachtung irgend eines Nutzens erforderte, von ihnen nicht abließen. Indem wir Das noch ein wenig bei Seite lassen, werden wir es nachher, wenn zuerst alles ausgelegt ist, was wir noch vom alten Testamente vorzuführen beschlossen haben, passender beibringen, damit um so leichter sich bewahrheite, wie die gerechten und heiligen Männer sowohl im alten als im neuen Testamente in dieser Verhaltungsweise ganz mit einander übereinstimmten. Was sollen wir denn von jener frommen Verstellung des Chusi gegenüber dem Absalon und zum Heile des Königs David sagen, die doch wohl mit dem ganzen Charakter des Täuschenden und Hinterlistigen gespielt wurde, den wirklich Nützliches Rathenden angriff und dennoch durch das Zeugniß der hl. Schrift gebilligt wurde, da sie sagt: „Auf den Wink des Herrn aber wurde zu Nichte der Rath des Achitophel, damit der Herr Übel über Absalon bringe.“ 4 Denn es konnte ja nicht getadelt werden, was mit rechter Absicht und frommer Meinung für die gerechte Sache geschah, und was für die Rettung [S. 188] und den Sieg Desjenigen, dessen Frömmigkeit dem Herrn gefiel, in gottesfürchtiger Verstellung erdacht war. Was sollen wir auch von der That jenes Weibes sagen, welches die Männer aufnahm, die von dem obengenannten Chusi zu David geschickt waren, sie im Brunnen verbarg, und, nachdem sie, eine Decke über dessen Öffnung breitend, sich den Anschein gegeben hatte, als trockne sie Graupen, sprach: „Sie sind fortgegangen, nachdem sie etwas Wasser getrunken“? Durch dieses Vorgeben rettete sie Jene aus den Händen der Verfolger. Antwortet mir also, ich bitte euch, was ihr, die ihr jetzt unter dem Evangelium stehet, gethan haben würdet, wenn euch eine ähnliche Lage betroffen hätte? Hättet ihr lieber Jene mit ähnlicher Lüge verbergen wollen, indem ihr in gleicher Weise sagtet: „Sie sind fortgegangen, nachdem sie etwas Wasser genommen“ — und so erfüllen, was geboten ist: 5 „Befreie Die, welche zum Tode geführt werden und laß nicht ab, Jene loszukaufen, die getödtet werden“; — oder hättet ihr lieber durch das Bekenntniß der Wahrheit die Verborgenen ihren Mördern verrathen wollen? Wo bleibt da jenes Wort des Apostels 6 „Niemand suche, was sein ist, sondern was des Nächsten“ und: 7 „Die Liebe sucht nicht das Ihre, (sondern was der Andern ist)“? Und von sich selbst sagt er: 8 „Ich suche nicht, was mir, sondern was Vielen nützt, damit sie gerettet werden.“ Denn wenn wir das Unsere suchen und Das, was uns nützlich ist, hartnäckig festhalten wollen, dann müssen wir auch in solchen Nöthen die Wahrheit sagen und schuldig werden an dem Tode Anderer. Wenn wir aber das Heil Anderer unserm Nutzen vorziehen und so dem apostolischen Befehle Genüge leisten, dann werden wir uns ohne Zweifel in die Nothwendigkeit des Lügens ergeben müssen. Also werden wir weder das Innerste der Liebe ganz besitzen noch Das, was der Andern ist, nach der [S. 189] apostolischen Lehre suchen können, wenn wir nicht in Dem, was unserer Strenge und Vollkommenheit paßt, ein wenig nachlassen und uns lieber bereitwillig zu dem Nutzen der Anderen herablassen wollen, so daß wir mit dem Apostel schwach werden mit den Schwachen, um sie gewinnen zu können. 9

1: Sprüchw. 20, 17.
2: II. Mos. 23, 7.
3: I. Kön. 24, 7.
4: II. Kön. 17, 5 ff.
5: Sprüchw. 24, 11.
6: I. Kor. 10, 24.
7: I. Kor. 13, 5.
8: I. Kor. 10, 33.
9: Eine ganz irrige, willkürliche Auslegung des Apostels. Dieser will zwar, daß wir fremden Nutzen suchen auf Kosten unsers eigenen, nicht aber auf Kosten unserer Pflicht, die durch jede Lüge verletzt wird. Auch Chusi und das obige Weib hätten besser auf Gott vertraut, als auf ihre zu weit gehende List und Verstellung. Es war nicht nöthig, die Grenzen des erlaubten Vorbehaltes zu überschreiten.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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