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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebzehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Joseph ist, über das Entscheiden.

17. Daß sich die Heiligen in verzeihlicher Weise der Lüge wie der Nießwurz bedienten.

Man muß also so von der Lüge denken und sich ihrer so bedienen, als hätte sie die Natur der Nießwurz. Wenn diese bei vorhandener tödtlicher Krankheit genommen wird, ist sie heilsam: sonst, ohne die Noth der größten Gefahr [S. 183] angewendet, bringt sie plötzlichen Tod. So lesen wir nemlich, daß selbst heilige und vor Gott ganz bewährte Männer in verzeihlicher Weise von der Lüge Gebrauch machten, wie auch Rahab, von welcher die hl. Schrift nicht nur keine Beweise der Tugend, sondern sogar der Unkeuschheit erwähnt, durch eine solche Lüge, mit welcher sie die Kundschafter lieber verbergen als verrathen wollte, verdiente, in ewigem Segen dem Volke Gottes vereint zu werden. 1 Hätte sie lieber die Wahrheit reden oder für das Wohl ihrer Mitbürger sorgen wollen, so ist es Keinem zweifelhaft, daß sie sammt ihrem ganzen Hause weder dem drohenden Untergange entflohen wäre, noch, aufgenommen unter die Ahnen der göttlichen Geburt und beigezählt dem Verzeichnisse der Patriarchen, aus ihren Nachkommen hätte dürfen den Heiland Aller hervorgehen sehen. Dagegen Dalila, welche für das Glück ihrer Stammesgenossen sorgte und die ausgeforschte Wahrheit verrieth, bereitete sich das Schicksal des ewigen Verderbens und hinterließ Allen nur das Andenken an ihr Verbrechen. (Richt. 16.) Wenn also bei dem Bekenntnisse der Wahrheit irgend eine schwere Gefahr droht, dann muß man die Ausflucht der Lüge suchen, jedoch so, daß wir von der Anklage eines demüthigen Gewissens heilsam geplagt werden. 2 Wo aber nicht der Fall der höchsten Notwendigkeit vorliegt, da ist die Lüge mit aller Vorsicht als todbringend zu meiden, wie wir von dem Tranke der Nießwurz gesagt haben, welche heilsam ist, wenn sie erst genommen wird, wann eine unvermeidliche und tödtliche Krankheit vorhanden ist; aber mit verderblicher Kraft sogleich sich zur Bezwingung des Lebens anschickt, wenn sie bei völliger und ungetrübter Gesundheit des Leibes gebraucht [S. 184] wird. Das wurde an der Rahab von Jericho und an dem Patriarchen Jakob deutlich gezeigt, von welchen weder jene dem Tode anders als durch dieses Mittel hätte entgehen, noch dieser zum Segen der Erstgeburt hätte gelangen können. Denn Gott erforscht und richtet nicht nur unsere Reden und Handlungen, sondern er sieht auch unsern Vorsatz und unsere Absicht. Wenn nun Er sieht, daß von irgend Einem wegen des ewigen Heiles oder aus Rücksicht auf die göttliche Beschauung Etwas gethan oder versprochen wurde, so richtet Er, was den Menschen hart und unrecht scheinen mag, mit seinem Blicke auf die innere Frömmigkeit des Herzens nicht nach dem Wortlaute, sondern nach der Absicht des Willens, weil der Zweck des Werkes und die Meinung des Handelnden zu beachten ist, wodurch Einige, wie oben gesagt wurde, auch durch die Lüge gerechtfertigt werden, Andere durch die Behauptung der Wahrheit in eine Sünde zum ewigen Tode fallen konnten. In Rücksicht auf ein solches Ziel scheute sich auch der Patriarch Jakob nicht, den rauhen Körper seines Bruders durch die Umhüllung der Felle täuschend nachzuahmen und gab in lobenswerther Weise der zu dieser Lüge aufreizenden Mutter nach; denn er sah, daß ihm hiedurch ein größerer Gewinn an Segen und Gerechtigkeit zugehen werde als durch Bewahrung der Aufrichtigkeit. Er zweifelte also nicht, daß der Flecken dieser Lüge durch das Niederströmen des väterlichen Segens sogleich werde abgewaschen und wie ein Wölklein durch das Wehen des hl. Geistes werde hinweggeführt werden, so daß ihm größerer Verdienste Lohn durch diese angenommene Verstellung zukommen werde als durch die angeborne Wahrheitsliebe. 3

1: Jos. 2. Die Lüge der Rahab kann nur mit ihrer heidnischen Unwissenheit entschuldigt werden und nicht diese Lüge würde ihr belohnt, sondern trotz der Lüge ihr Glaube an den Gott Israels.
2: Offenbar ein großer Irrthum.
3: Wir können solche Behauptungen nur bedauern. Nie darf man eine eigentliche Lüge sagen, wenn es auch erlaubt ist, einem zudringlichen Frager, der kein Recht auf die ganze Wahrheit hat, diese in einer dunkeln Rede zu verbergen, ohne die Absicht, ihn zu täuschen, sondern nur, um unser Geheimniß für uns zu behalten. Niemand wurde durch Lüge gerechtfertigt und Niemand wegen Bekenntnisses der Wahrheit verdammt, sondern es waren immer andere Gründe für Lohn oder Strafe vorhanden, bei Rahab der Glaube, bei Dalila der Verrath &c. Jakob aber mußte seine sündhafte List schwer genug büßen; der Flecken war nicht so schnell abgewaschen.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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