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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebzehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Joseph ist, über das Entscheiden.

12. Daß glückliche Erfolge schlechten Urhebern nicht nützten, und den Guten böse Thaten nicht schadeten.

Damit wir nun eben Dieß mit Beispielen der heiligen Schriften beleuchten, was konnte der ganzen Welt Heilsameres oder Nützlicheres verschafft werden als das Heilmittel des Leidens unseres Herrn? Und doch hat es jenem Verräther, durch dessen Dienstleistung es sich erwiesenermaßen erfüllte, nicht nur nicht genützt, sondern ihm so sehr geschadet, daß geradezu von ihm gesagt wurde: 1 „Es wäre ihm gut gewesen, wenn dieser Mensch nicht wäre geboren worden.“ Denn nicht nach Dem, was erfolgt, ist Einem der Lohn seiner That abzuwägen, sondern nach Dem, was er thun wollte, oder was er ausrichten zu können meint? Ferner: Was ist verbrecherischer als Hinterlist und Lüge schon gegen einen Fremden, geschweige gegen den eigenen Bruder oder Vater? Und doch hat sich der Patriarch Jakob hiedurch keine Verwerfung oder Rüge zugezogen, sondern er wurde mit dem immerwährenden Erbe des Segens bereichert. Und nicht mit Unrecht, weil Dieser den für den Erstgeborenen bestimmten Segen nicht aus Sucht nach irdischem Gewinn, sondern aus Glaube an die ewige Heiligung begehrte, während Jener nicht im Hinblicke auf die Rettung der Menschheit, sondern aus verbrecherischer Geldgier den Erlöser Aller dem Tode überlieferte. Und so wurde Beiden der Lohn ihres Willens nach der Absicht [S. 178] ihres Geistes und dem Vorsatze ihres Willens zugetheilt, weil weder Jener einen Betrug, noch Dieser Heil zu wirken beschlossen hatte. Denn mit Recht wird einem Jeden bei Ertheilung des Lohnes Das vergolten, was er anfänglich im Geiste geplant hatte, nicht was daraus gegen den Willen des Handelnden Gutes oder Böses entstand. Deßhalb hielt der allgerechte Richter Den, der eine solche Lüge wagte, weil er ohne dieselbe nicht zu dem Segen der Erstgeborenen hätte gelangen können, für entschuldbar und sogar lobenswürdig; und es durfte nicht Verbrechen genannt werden, was aus dem Verlangen nach Segen entstand. Sonst wäre der genannte Patriarch nicht nur ruchlos gegen den Bruder, sondern auch ein Betrüger gegenüber dem Vater und ein gottesräuberischer Mensch gewesen, wenn er einen anderen Weg zu der Segensgnade zu gelangen gehabt, und doch lieber diesen gesucht hätte, der für den Bruder nachtheilig und schadenbringend war. 2 Ihr seht also, daß bei Gott nicht der Verlauf der That, sondern die Absicht des Geistes untersucht wird. Damit wir nun nach diesem Unterbau zu der vorgelegten Frage zurückkehren, wegen deren all Dieß vorausgeschickt wurde, so möchte ich, daß ihr mir zuerst saget, weßhalb ihr euch mit den Fesseln jenes Versprechens beladen habt.

1: Matth. 26. 24.
2: Die Art, wie hier Jakob gerechtfertigt wird, ist offenbar irrig und allgemein verworfen. Nach einer bessern Erklärung der hl. Väter hat Jakob nicht gelogen, sondern nur mit verborgenem Sinne geredet, da er sich, gestützt auf sein schon erkauftes Erst-geburtsrecht wohl als Esau darstellen konnte. Siehe c. 17 Anmerkung.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger