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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.

9. Über die Kraft unseres guten Willens und die Gnade Gottes.

Es läßt sich also nicht leicht mit der menschlichen Vernunft begreifen, wie der Herr den Bittenden gibt, von den Suchenden gefunden wird, den Anklopfenden öffnet und doch wieder von den nicht nach ihm Forschenden gefunden wird, offen sichtbar erscheint unter Denen, die nicht nach ihm fragten, und den ganzen Tag seine Hände ausbreitet nach einem Volke, Das ihm nicht glaubt, sondern widerspricht, 1 wie er die Widerstrebenden und weit Entfernten ruft, die Nichtwollenden zum Heile zieht, denen, die sündigen wollen, die Gelegenheit entzieht, ihren Willen, auszuführen, und denen, die sich in Ungerechtigkeiten stürzen, voll Güte im Wege steht. Wem aber sollte es leicht begreiflich sein, wie die Hauptsache des Heiles unserm Willen zugeschrieben werden könne, von dem es heißt: 2 „Wenn ihr wollt und mich höret, so sollt ihr essen, was gut ist auf Erden;“ und wie Dieß dann wieder nicht Sache des Wollenden und Laufenden, sondern des erbarmenden Gottes sein solle? 3 Wie soll es sein, daß Gott einem Jeden nach seinen Werken vergelte, und daß doch Gott es ist. 4 „der in euch Das Wollen und Vollbringen bewirkt nach seinem Wohlgefallen,“ und daß es also nicht aus euch ist, sondern Gottes Geschenk, nicht nach den Werken, damit Niemand sich rühme. 5 Was soll auch Das sein, wenn es heißt: „Nahet euch Gott, und er wird sich euch nahen,“ während er anderswo sagt: 6 „Niemand kommt zu mir, wenn nicht der Vater, der [S. 70] mich gesandt hat, ihn zieht.“ Warum heißt es (Sprüchw. 4, 26): „Mache recht den Lauf deiner Füße und richte deine Wege“? Und wie können wir dann im Gebete sagen: 7 „Lenke meinen Weg nach deinem Angesichte“ und: 8 „Mache vollkommen meine Schritte auf deinen Wegen, daß nicht wanken meine Füße“? Wozu ferner werden wir ermahnt: 9 „Machet euch ein neues Herz und einen neuen Geist,“ wenn doch versprochen wird: 10 „Ich werde ihnen ein neues Herz geben und einen neuen Geist einsenken in ihr Inneres; und ich werde hinwegnehmen Das Herz von Stein aus ihrem Leibe und ihnen ein Herz von Fleisch geben, damit sie in meinen Gesetzen wandeln und meine Aussprüche bewahren“? Warum befiehlt der Herr und sagt: 11 „Wasche dein Herz, o Jerusalem, von der Bosheit, damit du gerettet werdest“? Und was erbittet dann der Prophet vom Herrn, wenn er sagt: 12 „Ein reines Herz erschaffe in mir, o Gott!“ und wieder: „Wasche mich, und ich werde weisser als Schnee“? Wie ist es zu verstehen, wenn uns gesagt wird: 13 „Erleuchtet euch mit dem Lichte der Wissenschaft,“ während es dann von Gott heißt: „Der da lehret die Menschen Wissenschaft“ und: 14 „Der Herr erleuchtet die Blinden,“ oder doch wie wir mit dem Propheten bittend sagen: 15 „Erleuchte meine Augen, damit ich nicht sinke in Todesschlaf“? Ist nicht in all Dem ebensowohl die Gnade Gottes als die Freiheit unseres Willens verkündigt, und daß der Mensch zuweilen auch aus eigenem Antrieb sich zum Verlangen nach Tugenden erbeben kann, immer aber der Hilfe bedarf? Denn es genießt Einer die Gesundheit nicht gleich, wenn er will, und wird von Krankheit nicht gleich nach jenem Verlangen befreit. Was nützt es nun aber, die Gnade der Gesundheit zu begehren, wenn nicht der Herr, der den Genuß des Lebens gibt auch die [S. 71] Frische der Gesundheit verleiht? Damit es aber um so deutlicher erhelle, daß auch durch die natürliche Güte, die uns durch des Schöpfers Geschenk verliehen ist, zuweilen die Anfänge guter Willensregungen einstehen können, 16 die jedoch ohne Gottes Führung nicht zur Vollendung der Tugenden gelangen können: so ist uns der Apostel Zeuge, wenn er sagt: „Das Wollen liegt bei mir; aber Das Verwirklichen des Guten finde ich nicht.“ (Röm. 7. 18.)

1: Is. 65, 1. 2.
2: Is. 1, 19.
3: Röm. 9, 16.
4: Philipp. 2, 13.
5: Ephes. 2, 8. 9.
6: Joh. 6, 44.
7: Ps. 5, 9.
8: Ps. 16, 5.
9: Ezech. 18, 31.
10: Ezech. 11, 19. 20.
11: Jerem. 4, 14.
12: Ps. 50.
13: Ps. 93, 8.
14: Ps. 145, 8.
15: Ps. 12, 4.
16: So ist denn der Irrthum mit trauriger Deutlichkeit ganz ausgesprochen. Wir dürfen zwar als sehr wahrscheinlich annehmen, daß Cassian später seinen Irrthum eingesehen und sich bekehrt habe; daß er aber nicht geirrt habe, kann man solchen Stellen gegenüber nicht mehr behaupten. Er stellt in diesem Capitel eine Reihe von Schriftstellen einander gegenüber, um die Schwierigkeiten und scheinbaren Widersprüche der Gnadenlehre aufzuzeigen, die er dann in seiner leider einseitigen und oberflächlichen Weise lösen will. Meist versieht er jene Stellen, die von einer spätern Stufe des ganzen Processes gelten, von der schlechthin ersten, und wenn also z. B. der Apostel sagt, Das Wollen liege bei ihm, so fragt Cassian nicht weiter, von wem er dieß Wollen habe, sondern nimmt ohne alle Berechtigung an, derselbe Apostel, der sagte: „Gott ist es, der Das Wollen bewirkt,“ habe hier Das Wollen ganz sich selbst zugeschrieben. Doch lassen wir ihn in seiner vermeintlichen Lösung der Gegensätze einstweilen weiter fahren!

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger