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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.

5. Antwort über die eingebildete Keuschheit der Philosophen.

Chäremon: Es ist mir lieb, daß ihr, entflammt von der größten Liebe zur Erkenntniß der Wahrheit, auch hie und da Ungereimtes vorbringet, da durch solchen Widerspruch die Kraft des katholischen Glaubens bewährter und [S. 62] so zu sagen zuverlässiger sich zeigen kann. Denn wer möchte bei klugem Verstand so widersprechende Behauptungen aufstellen, daß er von dieser himmlischen Reinheit der Keuschheit, von der ihr gestern sagtet, sie könne nicht einmal durch Gottes Gnade irgend einem Sterblichen zu Theil werden, heute glauben will, die Heiden hatten sie durch eigene Kraft besessen? Aber weil ihr, wie gesagt, Das ohne Zweifel im Eifer für die Erforschung der Wahrheit entgegnet, so höret, was ich davon halte. Zuerst darf man durchaus nicht glauben, daß die Philosophen eine solche innerliche Keuschheit, wie sie von uns gefordert wild, erreicht haben, da ja uns geboten wird, daß nicht nur die Hurerei, sondern auch keinerlei Unreinigkeit bei uns auch nur genannt werde. Es hatten aber Jene ein gewisses Theilchen der Keuschheit, nämlich die Enthaltsamkeit des Fleisches, daß sie nur in Betreff des Beischlafes ihre Begierde im Zaume hielten; aber diese innere Reinheit des Geistes und die vollkommene und beständige Reinheit des Leibes konnten sie, ich will nicht sagen nicht in der That erreichen, sondern nicht einmal denken. Schämte sich doch, wie sie selbst öffentlich verkünden, der Berühmteste von ihnen, Sokrates, nicht, Dieß selbst einzugestehen. Denn als ihn ein gewisser Physionom ansah und sagte: ὄμματα παιδεραστοῦ, d. i. er hat die Augen eines Knabenschänders, da drangen seine Schüler auf denselben ein und wollten die ihrem Lehrer zugefügte Schmähung rächen; er aber soll ihren Unwillen mit diesem Ausspruch unterdrückt haben: παύσασθε, ἑταῖροι, εἰμὶ γὰρ, ἀλλ᾿ ἀπέχω, d. i.: „Beruhiget euch, Freunde, denn ich bin es, aber ich halte mich zurück.“ Es ist also auf’s Klarste nicht nur durch meine Behauptung. sondern durch Das Eingeständniß Jener bewiesen, daß nur die Ausführung der Unzucht, d. i. die Schändlichkeit der geschlechtlichen Verbindung von Jenen mit Gewalt und Zwang unterdrückt wurde, daß aber aus ihren Herzen nicht die Begierde und die Lust an jener Leidenschaft ausgeschlossen war. Mit welchem Abscheu aber müssen wir jenen Ausspruch des [S. 63] Diogenes wiedergeben? Denn die Thatsache, welche dieser weltliche Philosoph als etwas Beachtenswerthes vorzubringen sich nicht schämte, dürfen wir ohne Scham weder nennen noch anhören. Er soll also Einem, der wegen des Verbrechens des Ehebruches bestraft werden mußte, gesagt haben: „Was umsonst feil geboten wird, hattest du nicht mit dem Leben erkaufen sollen.“ Es steht also fest, daß Jene die Tugend der wahren Keuschheit, die von uns verlangt wird, gar nicht gekannt haben. Deßhalb ist es sicher genug, daß man unsere Beschneidung, die im Geiste ist, nur durch Gnadengabe Gottes besitzen kann, und daß sie nur denen innewohne, die Gott mit der ganzen Zerknirschung ihres Geistes dienen.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger