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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.

[S. 88] 15. Über die vielfache Gnade der Berufungen.

Hierin zeigt sich auch deutlich, wie unerforschlich die Rathschlüsse Gottes sind und wie unausspürbar seine Wege, 1 durch die er das menschliche Geschlecht zum Heile zieht. Das können wir auch durch die Beispiele der Berufungen im Evangelium erhärten. Den Andreas nemlich und Petrus, sowie die übrigen Apostel erwählte er im [S. 89] Voraus durch die freie Herablassung seiner Gnade, ohne daß sie über das Mittel zu ihrem Heile nachdachten. Den Zachäus, der sich treulich abmüht, den Herrn zu sehen, und die Kleinheit seiner Gestalt durch die Höhe des Feigenbaumes unterstützt, nimmt er nicht nur auf, sondern zeichnet ihn auch durch die Gnade der Einkehr aus. Gegen seinen Willen zieht er den widerstrebenden Paulus an. Einen Andern heißt er so unzertrennlich ihm anhängen, daß er ihm nicht einmal einen ganz kurzen Aufschub zur Begrabung seines Vaters gestattet. Dem Cornelius, 2 der beständig im Gebet und Almosen eifrig ist, wird der Weg des Heils gleichsam als Belohnung gezeigt, und es wird ihm durch die Erscheinung eines Engels geboten, daß er den Petrus herbeirufe und von ihm die Worte des Heiles erfahre, durch die er sammt all den Seinen gerettet würde. Und so ordnet jene vielgestaltige Weisheit Gottes das Heil der Menschen in vielfacher und unerforschlicher Liebe und theilt die Gnade ihrer Freigebigkeit nach der Fassungskraft der Einzelnen aus, wie sie auch die Heilungen nicht nach der einfachen Macht ihrer Majestät, sondern nach dem Maße des Glaubens wirken wollte, in welchem sie den Einzelnen traf, oder das sie selbst ihm zugetheilt hatte. 3 Denjenigen nämlich, der da glaubte, 4 daß zur Reinigung seines Aussatzes der Wille Christi allein hinreiche, machte er nur durch die Beistimmung seines Willens gesund, indem er sagte: „Ich will, sei rein!“ Einem Andern, 5 der bat, er möge kommen und durch Auflegung der Hände seine verstorbene Tochter erwecken, ging er in’s Haus und verlieh ihm in derselben Weise, in der er gehofft hatte, das Erbetene. Einem Dritten, der glaubte, daß alles Heil in der Aussprache eines Wortes von ihm liege, und der antwortete: [S. 90] „Sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund“ — stärkte er die erschlafften Glieder (des Dieners) mit der frühern Kraft, indem er sprach: „Geh, und wie du geglaubt hast, so geschehe dir.“ 6 Anderen, die von der Berührung seines Kleidsaumes Heilung hofften, gab er reichlich das Geschenk der Gesundheit. Den Einen verlieh er Hilfe für ihre Krankheit auf ihre Bitten. Andern gab er sie aus eigenem Antrieb. Die Einen ermahnte er zur Hoffnung, indem er sagte: 7 „Willst du gesund werden?“ —Anderen, die nicht hofften, half er freiwillig. Bei den Einen fragte er nach ihren Wünschen, ehe er ihrem Willen Genüge leistete, und sprach: 8 „Was wollt ihr, daß ich euch thue?“ — Einer Andern, die den Weg nicht wußte, auf welchem sie das erreichen sollte, was sie wünschte, zeigte er diesen gütig und sagte: 9 „Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit des Herrn sehen.“ Bei den Einen goß er die Kraft der Heilung überreich aus, so daß der Evangelist davon sagt: „Und er heilte alle ihre Kranken;“ bei Andern aber war jener unermeßliche Abgrund der Wohlthaten Christi so verschlossen, daß es heißt: „Und nicht konnte Jesus unter ihnen Wunder thun wegen ihrer Ungläubigkeit.“ Und so gestaltet sich selbst die Freigebigkeit Gottes nach der Fassungskraft des menschlichen Glaubens, so daß sie Diesem sagt: „Es geschehe dir nach deinem Glauben“ — und Jenem: „Gehe, und es geschehe dir, wie du geglaubt hast,“ einem Andern aber: „Dir geschehe wie du willst,“ und wieder einem Dritten: „Dein Glaube hat dich gerettet.“

1: Röm. 11, 33.
2: Apostelg. 10.
3: Wieder der Irrthum, als sei es nicht Gott, der Allen die Gnade des Glaubens gibt, und ohne dessen Heimsuchung sie Keiner aus eigener Kraft haben kann.
4: Matth. 8, 2.
5: Matth. 9, 18.
6: Matth. 8, 5 ff.
7: Joh. 5, 6 ff.
8: Matth. 20, 32.
9: Joh. 11, 40; für das Folgende siehe bei Matth. die Kapitel 8, 9, 13, 14, 15.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger