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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.

14. Daß Gott durch seine Prüfungen die Kraft des menschlichen Willens erprobe.

Wir lesen, daß die göttliche Gerechtigkeit Dieß auch in Job, ihrem bewährtesten Kämpfer, so angeordnet habe, als ihn der Teufel zum Zweikampf suchte. Denn wenn er gegen seinen Feind nicht mit eigener Kraft, sondern nur mit Hilfe der göttlichen Gnade aufgetreten wäre und ohne irgendwelche eigene Tugend der Geduld, nur gestützt auf den göttlichen Beistand, jene vielfachen, mit aller Grausamkeit des Feindes ausgesuchten Lasten der Prüfung und des Elends ertragen hätte: wie hätte da nicht der Teufel jenes früher vorgebrachte, verläumderische Wort mit mehr Recht gegen ihn wiederholen sollen: 1 „Verehrt etwa Job Gott umsonst? Hast du nicht ihn und sein Haus und seine ganze Habe rings wie mit einem Walle umgeben? Aber zieh hinweg 2 deine Hand. d. i. laß ihn mit seinen eigenen Kräften gegen mich streiten — ob er dich nicht ins Angesicht verwünscht?“ Da aber der verläumderische Feind nach dem Kampfe keine derartige Klage zu wiederholen wagt, so gesteht er ein, daß er nicht durch die Kraft Gottes, sondern [S. 84] des Job besiegt worden sei; obwohl man glauben muß, daß die Gnade Gottes Jenem nicht ganz fehlte, da sie dem Versucher nur so viele Macht ließ, als sie wußte, daß Jener zu besiegen im Stande sei. Sie beschützte ihn nicht so vor der Anfechtung, daß sie der menschlichen Tugend keinen Raum ließ, sondern sorgte nur dafür, daß der grausame Feind seine Seele nicht wahnsinnig und geistesschwach mache und so mit ungleicher, ungerechter Kampfeslust auf ihn drücke. 3 Daß nun der Herr zuweilen unsern Glauben zu prüfen pflegt, damit er kräftiger und rühmlicher werde lehrt uns auch das Beispiel jenes Hauptmann im Evangelium. 4 Obwohl der Herr wußte, daß er dessen Knecht immerhin durch die Macht seines Wortes heilen könne, wollte er doch lieber seine leibliche Gegenwart anbieten und sprach: „Ich werde kommen und ihn heilen.“ Da aber jener in der Glut eines lebendigen Glaubens über dieses Anerbieten hinwegging und sagte: „O Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehest unter mein Dach, sondern sprich nur ein Wort und mein Knecht wird gesund:“ — da bewundert und lobt ihn der Herr und zieht ihn allen Jenen, welche aus Israels Volk geglaubt hatten, vor mit den Worten: „Wahrlich, ich sage euch, einen solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“ Es wäre wohl kein Lob und Verdienst, wenn Christus in ihm das ausgezeichnet hätte, was er selbst gegeben hatte; da hätte er ja wohl gesagt: „Ich gab nicht solchen Glauben in Israel.“ Wir lesen, baß die göttliche Gerechtigkeit diese Glaubensprüfung auch in jenem herrlichen Patriarchen angeordnet habe, da es heißt: 5 „Und es geschah nach diesen Worten, daß Gott den Abraham versuchte.“ Nicht jenen Glauben nämlich wollte die göttliche Gerechtigkeit erproben, den der [S. 85] Herr ihm eingeflößt hatte, sondern jenen, den er nach der Berufung und Erleuchtung durch seine Willensfreiheit bieten konnte. Deßhalb wird nicht mit Unrecht seine Standhaftigkeit im Glauben anerkannt, und da ihm die Gnade Gottes, die ihn zur Prüfung ein wenig verlassen hatte, wieder naht, wird zu ihm gesagt: „Lege nicht Hand an den Knaben, noch füge ihm Etwas zu; denn jetzt weiß ich, daß du den Herrn fürchtest und deines geliebten Sohnes nicht schontest um meinetwillen.“ Daß diese Art der Versuchung auch uns zu Verdienst und Bewährung begegnen könne, wird deutlich genug von dem Gesetzgeber im Deuteronomium erklärt, der da sagt: 6 „Wenn unter euch ein Prophet aufgestanden sein wird oder Einer, der sagt, er habe ein Traumbild gesehen, und der nun Zeichen und Wunder angibt — und es trifft ein, was er sagte; — er spräche aber zu dir: Wir wollen hingehen und fremden Göttern dienen, die ihr nicht kennt: so höre nicht auf die Worte dieses Propheten oder Träumers, weil Gott der Herr dich mit der Versuchung erproben will, ob du ihn liebst von deinem ganzen Herzen, und ob du seine Gebote hältst oder nicht.“ Wie nun? Wenn Gott zuläßt, daß ein solcher Prophet oder Träumer aufstehe, muß man dann glauben, er werde Die, deren Glauben er zu prüfen beschloß, so unterstützen, daß er ihrem freien Willen durchaus keinen Raum läßt, in eigener Kraft mit dem Versucher zu streiten? Und wozu ist es nöthig, daß Diejenigen geprüft werden, die er als so schwach und gebrechlich kennt, daß sie durchaus nicht mit eigener Kraft dem Versucher zu widerstehen vermögen? Und in der That hätte die Gerechtigkeit des Herrn die Versuchung nicht gestattet, wenn sie nicht gewußt hätte, daß Jenen eine angemessene Kraft des Widerstandes innewohne, nach der sie in gerechtem Urtheil entweder für schuldig oder für todwürdig könnten erklärt werden, je nachdem sie es verdient. So ist es auch mit dem Ausspruche des Apo- [S. 87] stels: 7 „Wer also zu stehen glaubt, der sehe zu, daß er nicht falle. Versuchung mag euch nicht befallen ausser menschliche. Treu ist aber Gott, der nicht gestatten wird, daß ihr versucht werdet über eure Kraft, sondern der mit der Versuchung auch einen Ausweg schaffen wird, damit ihr bestehen könnet.“ Denn wenn er sagt: „Wer steht, sehe zu, daß er nicht falle,“ so regt er die Freiheit des Willens auf, von der er wohl weiß, daß sie nach Empfang der Gnade entweder durch ihren Eifer stehen oder durch ihre Nachlässigkeit fallen könne. Wenn er aber beifügt: „Versuchung mag euch nicht befallen, ausser eine menschliche,“ so hält er ihnen die Schwäche und Unbeständigkeit des noch nicht erstarkten Geistes vor, in Folge deren sie noch nicht angegriffen werden durften von den Stürmen jener bösen Geister, gegen welche, wie er wußte, sowohl er selbst täglich kämpfte als auch jene Vollkommenen, von denen er zu den Ephesern sagt: 8 „Wir haben nicht mehr bloß den Kampf gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften und Gewalten, gegen die Beherrscher der Welt dieser Finsterniß, gegen die Geister der Bosheit in den Lüften.“ Wenn er aber beifügt: „Doch treu ist Gott, der euch nicht wird versucht werden lassen über eure Kraft,“ — so wünscht er wahrhaftig nicht, daß Gott sie nicht möge versucht werden lassen, sondern nur, daß sie nicht versucht werden über das hinaus, was sie ertragen könnten. Denn Jenes 9 beweist die Fähigkeit der menschlichen Freiheit. Dieses aber die Gnade des Herrn, der die Kämpfe der Versuchungen mäßigt. In all Dem bestätigt es sich, daß die göttliche Gnade den freien Willen des Menschen immer so anrege und ihn in Allem so beschütze und vertheidige, daß sie ihn auch mit eigenen Versuchen gegen die geistigen Feinde kämpfen läßt, wodurch er entweder als Sieger die Gnade 10 [S. 87] Gottes oder als Besiegter die eigene Schwäche einsehen und so lernen könne, nicht auf seine Kraft, sondern immer auf die göttliche Hilfe zu bauen und beständig zu seinem Beschützer Zuflucht zu nehmen. Damit nun Das nicht durch unsere Meinung, sondern durch die kräftigeren Zeugnisse der hl. Schrift bestätigt werde, wollen wir das, was in Jesus Nave 11 steht, wieder durchnehmen. Es heißt dort: „Diese Völker ließ der Herr (und wollte sie nicht vernichten), um an ihnen Israel zu prüfen (ob es beobachte die Gebote des Herrn seines Gottes), und damit sie eine Übung hätten, mit den Feinden zu kämpfen.“ Und nun wollen wir mit der unvergleichlichen Güte unseres Schöpfers etwas Sterbliches vergleichen, nicht wie es nach der vollen Ehrfurcht sein müßte, sondern wie es die Ähnlichkeit in Etwa erlaubt. Eine liebevolle und besorgte Mutter trägt ihren Kleinen lange am Busen, bis sie ihn einmal gehen lehrt; dann läßt sie ihn zuerst kriechen, richtet ihn dann auf und hält ihn mit der Kraft ihrer Rechten, damit er in wechselndem Schritte sich mühe; bald läßt sie ihn ein wenig allein, ergreift ihn sogleich, wenn sie ihn wanken sieht, erfaßt den Taumelnden, richtet den Gefallenen auf und hindert ihn entweder am neuen Fall oder läßt ihn auch leicht hinsinken und hebt ihn erst darnach auf. Wenn ihn aber die Erstarkung ins Knaben- oder Jünglingsalter geführt hat. so fügt sie einige Lasten oder Mühen hinzu, durch die er nicht erdrückt, sondern geübt werde, und läßt ihn mit Gegnern kämpfen. Wie viel mehr weiß nun jener himmlische Vater Aller, wen er an dem Busen seiner Gnade tragen, wen er vor seinen Augen durch die Entscheidung des freien Willens in der Tugend üben solle! Und so hilft er dem Mühevollen, erhört den Rufenden, verläßt nicht den Suchenden, reißt aus der Gefahr zuweilen auch den, der nicht darum weiß. 12

1: Job 1, 9. 10. 11.
2: Hier entstellt das Citat den Text, der überall heißt: „Strecke aus deine Hand!“
3: Hier spricht Cassian seine Irrthümer mit fast unerträglicher Deutlichkeit und Entschiedenheit aus. — Wie ganz anders lautet die dritte Unterredung 17 ff.!
4: Matth. 8, 5—13.
5: Gen. 22, 1.
6: Deuteron. 13, 1.
7: I. Kor. 10, 12. 13.
8: Ephes. 6, 12.
9: Die Zulassung der Versuchungen.
10: Hätte doch Cassian stets so vorsichtig und richtig gesprochen wie in diesen paar Worten!
11: Josue. Die Stelle steht aber nicht im Buche Josue, sondern Richt. 3, 1. 2. Das Citat ist nicht wörtlich.
12: Cassian gibt sich viele Mühe, mit den Beispielen von Job, dem Hauptmann von Capharnaum, Abraham und anderen Zeugnissen der hl. Schrift Etwas zu beweisen, was die katholische Lehre nie läugnete und ebenso wenig sein heimlich gemeinter Gegner der hl. Augustin, nämlich die Freiheit des menschlichen Willens. Es ist ja klar, daß Gott in seinen Prüfungen diese Freiheit erproben will und nicht seine Gnade; aber braucht man deshalb das geschöpfliche Wirken so schlechthin neben und ohne die Gnade hinzustellen wie das Cassian thut? Augustin hält überall fest, daß unsere Freiheit eine wahre sei; aber er faßt sie stets in ihrem geheimnisvollen Ineinandersein mit der Gnade auf, und das muß sein. Nach unserm beschränkten endlichen Denken endet freilich nothwendig das Eine, damit ein Anderes anfangen kann und so stehen sie äusserlich neben einander; aber das darf und kann doch nicht sein, wenn der eine Faktor das Unendliche ist, das eben nirgend aufhören kann, so daß Nichts als neben ihm stehend gedacht werden kann. Es wäre ja freilich leichter, entweder im moralischem Pantheismus das Absolute alles thun zu lassen und die menschliche Freiheit schlechthin zu negiren, oder in dem deistischen Rationalismus des pelagianischen Vorstellens die Freiheit zu wahren, sie aber neben das Absolute in einer möglichen Selbstständigkeit zu stellen. Das ist aber beides metaphysisch und faktisch unwahr und die Wahrheit kann bei einer Verhältnißbestimmung solcher Faktoren nur in einem Geheimnisse liegen, nämlich in dem, daß die Freiheit zwar besteht, aber in jedem Punkte ihrer ganzen Linie bewirkt, gehalten und getragen sein muß von der Gnade, wenn es zu einem tugendhaften Handeln kommen soll. Eine so bloß äusserliche Gnadenunterstützung, und „Mäßigung des Kampfes“, wie sie Cassian in diesem Kapitel lehrt, widerspricht seinen eigenen früheren Darstellungen.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger