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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.

[S. 81] 13. Daß die menschlichen Anstrengungen die Gnade Gottes nicht ersetzen können.

So also wirkt die Gnade Gottes immer mit unserer Freiheit zum Guten zusammen und unterstützt, beschützt und vertheidigt diese in Allem, daß sie zuweilen auch einige Versuche des guten Willens verlangt oder erwartet, damit es nicht scheine, als ob sie völlig Schlafenden oder in träger Ruhe Erschlafften ihre Gaben verleihe. Sie sucht gewissermaßen Gelegenheiten, mittels deren, wenn die Schläfrigkeit der menschlichen Trägheit abgeschüttelt ist, der Reichthum ihrer Freigebigkeit nicht unvernünftig scheine, da sie denselben auf den Vorwand eines Verlangens oder einer Mühe hin austheilt, wobei nichts desto weniger die Gnade immer Geschenk bleibt, weil sie ja für unbedeutende und kleine Versuche eine so große Glorie der Unsterblichkeit, solche Gaben ewiger Seligkeit mit unschätzbarer Freigebigkeit verleiht. 1 Denn man darf doch deßhalb, weil der Glaube jenes Räubers am Kreuze vorausgegangen war, [S. 82] nicht sagen, daß ihm das selige Wohnen im Paradiese nicht als Gnade versprochen worden sei; und man darf nicht glauben, daß jene Buße des Königs David mit dem einen Worte: 2 „Ich habe gesündigt vor dem Herrn“ seine zwei so schweren Verbrechen getilgt habe, und nicht vielmehr die Barmherzigkeit des Herrn, so daß er durch den Propheten Nathan hören durfte: „Und der Herr hat hinweggenommen deine Sünde von dir, du wirst nicht sterben.“ Daß er also Mord zum Ehebruch fügte, war die That seines freien Willens; daß er aber durch den Propheten gestraft wird, ist die Gnade der göttlichen Herablassung. Daß er ferner in Demuth seine Sünde einsteht, ist das Werk seiner eigenen Freiheit; daß er aber so augenblicklich Verzeihung der schwersten Verbrechen erlangt, ist Geschenk des erbarmenden Gottes. Was werden wir aber von diesem kurzen Bekenntniß und der unvergleichlichen, unermeßlichen Vergeltung Gottes sagen, wenn der hl. Apostel im Aufblicke zu jener Größe des künftigen Lohnes erklärt, was man mit Leichtigkeit von seinen unzähligen Verfolgungen denken könne? Denn er sagt: 3 „Das Augenblickliche und Leichte unserer Drangsal wirkt über das Maß ohne Vergleich eine ewige Wucht der Herrlichkeit in uns.“ Das behauptete er auch anderwärts beharrlich und sagt: 4 „Es sind nicht würdig die Leiden dieser Zeit der künftigen Herrlichkeit, die an uns wird offenbar werden.“ Wie sehr sich also auch die menschliche Schwäche anstrengen mag, sie wird der zukünftigen Belohnung nicht ebenbürtig sein können, noch vermindert sie durch ihre Mühen die göttliche Gnade so, daß diese nicht immer ein Gnadengeschenk bliebe. Obwohl deßbalb der genannte Völkerlehrer gesteht, daß ihm durch Gottes Gnade der Apostelrang zugefallen sei, indem er sagt: 5 „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“, — so erklärt er doch auch, daß er der göttlichen Gnade entsprochen habe, [S. 83] mit den Worten: „Und seine Gnade ist in mir nicht vergeblich gewesen; denn ich habe mehr als jene alle gearbeitet (und erreicht), — nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes mit mir.“ Da er also sagt: „Ich habe gearbeitet,“ bezeichnet er die Anstrengung des eigenen Willens; und wenn er sagt: „nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes,“ — so zeigt er die Macht der göttlichen Hilfe. Wenn er sagt: „mit mir,“ so erklärt er, daß sie nicht dem Trägen und Ruhigen, sondern dem Arbeitenden und Mühebeladenen beigestanden sei.

1: Auch hier sehen wir wieder, wie Cassian den Unterschied zwischen dem göttlichen Gnadenwirken und dem der menschlichen Freiheit nur obenhin in quantitativer Weise auffaßt, statt die völlige Incommensurabilität des Verhältnisses anzuerkennen, die durchaus nöthig ist, wenn die Gnade, wie der Apostel sagt, „gratuita“ sein soll. — In dem unmittelbar Folgenden vom Schächer, David &c. haben wir wieder das schon erwähnte willkürliche Ignorieren der gratia praeveniens.
2: II. Kön. 12, 13.
3: II. Kor. 4, 17.
4: Röm. 8, 18.
5:

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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