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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.

12. Daß der gute Wille weder stets der Gnade noch stets dem Menschen zuzutheilen sei.

Wir dürfen doch wohl nicht glauben, Gott habe den Menschen so geschaffen, daß er Das Gute weder irgend einmal wolle noch könne. Sonst hätte er ihm ja keinen freien Willen gelassen, wenn er ihm nur verliehen hätte, das Böse zu wollen und zu können, das Gute aber von sich selbst aus weder zu wollen noch zu können. Und wie soll denn jenes nach dem Abfall des ersten Menschen gesprochene Wort Gottes bleiben: „Siehe, Adam ist geworden wie Einer aus uns, kennend Das Gute und Böse“? Denn man darf doch nicht Das von ihm annehmen, daß er vorher des Guten völlig unkundig war; sonst müßte man ja zugeben, daß er als unvernünftiges und sinnloses Thier geschaffen worden sei, was doch abgeschmackt genug und ganz gegen den katholischen Glauben ist. Im Gegentheil hat Gott nach dem Ausspruche [S. 76] des so weisen Salomon 1 den Menschen recht gemacht, nemlich so, daß er sich, nur der Erkenntniß des Guten beständig erfreue, dieser selbst aber sich in viele Ränke verwickelt habe, denn er wurde, wie gesagt, erkennend das Gute und Böse. Es erhielt also Adam nach dem Falle die Erkenntniß des Bösen, die er nicht gehabt hatte, und verlor nicht die des Guten, die er erhalten hatte. Daß endlich das menschliche Geschlecht die Erkenntniß des Guten nach dem Falle nicht verloren habe, wird auch durch den Ausspruch des Apostels aufs Deutlichste erklärt, wenn er sagt: 2 „Denn wenn die Heiden, welche das Gesetz nicht haben, von Natur aus das thun, was zum Gesetze gehört: so sind sie, die kein Gesetz haben, sich selbst Gesetz, da sie zeigen, daß das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben sei, soferne ihnen Zeugniß gibt ihr Gewissen und ihre Gedanken sich wechselseitig anklagen oder vertheidigen an dem Tage, an welchem Gott richten wird die Geheimnisse der Menschen.“ In diesem Sinne tadelt der Herr auch durch den Propheten die nicht naturnothwendige, sondern freiwillige Blindheit der Juden, welche sie sich selbst hartnäckig verursachten, und sagt: 3 „Ihr Tauben höret, und ihr Blinden öffnet die Augen zum Sehen! Wer ist taub als mein Knecht, und wer blind als Der, zu welchem ich meine Boten sandte?“ Und damit nicht allenfalls Jemand diese ihre Blindheit der Natur zuschreibe statt dem freien Willen, sagt er an anderer Stelle: 4 „Führe heraus das Volk, das blind ist, obwohl es Augen hat, und taub, obwohl ihm Ohren sind.“ Und wieder sagt er: 5 „Die ihr Augen habt und nicht sehet, Ohren und nicht höret.“ Auch im Evangelium sagt der Herr: 6 „Sehend sehen sie nicht, und hörend hören sie nicht und verstehen nicht.“ Erfüllt wird an ihnen die Prophezeiung des Isaias, die da sagt: „Mit dem Gehöre werdet ihr hören und nicht verstehen, und schauend werdet ihr sehen [S. 77] und nicht sehen; denn verstockt war das Herz dieses Volkes, und mit den Ohren hörten sie schwer und schloßen ihre Augen, damit sie nicht etwa sehen mit den Augen und hören mit den Ohren und verstehen im Herzen und sich bekehren und ich sie heile.“ Endlich, um zu zeigen, daß die Möglichkeit des Guten ihnen innewohne, schilt er die Pharisäer und sagt: 7 „Warum nun beurtheilet ihr nicht von euch selbst, was recht ist?“ Das hätte er ihnen gewiß nicht gesagt, wenn er nicht gewußt hätte, daß sie mit dem natürlichen Urtheile unterscheiden können, was recht ist. Wir müssen uns also hüten, alle Verdienste der Heiligen so auf den Herrn zu beziehen, daß wir der menschlichen Natur Nichts zuschreiben, als was böse und verkehrt ist. Darin würden wir widerlegt durch den Ausspruch des hochweisen Salomon, ja des Herrn selbst, dessen Worte dieß sind. Denn so sprach er, als er nach Vollendung des Tempelbaues betete: 8 „Es wollte mein Vater David ein Haus erbauen dem Namen des Herrn, des Gottes Israels, und es sprach Gott der Herr zu meinem Vater David: Daß du in deinem Herzen dachtest, meinem Namen ein Haus zu bauen, so hast du wohl daran gethan, Solches in deinem Geiste zu erwägen; aber nicht du wirst meinem Namen ein Haus bauen!“ Muß man also von diesem Gedanken und Plane Davids sagen, daß er gut war und aus Gott, oder daß er böse war und vom Menschen? Wenn dieß Denken gut war und aus Gott, warum wird ihm von Ebendemselben, der es eingab, der Erfolg verweigert? Wenn es aber böse war und vom Menschen, warum wird es vom Herrn gelobt? Man muß also glauben, daß es gut war und vom Menschen kam. Auf diese Weise können mir auch unsere täglichen Gedanken beurtheilen. Denn es ist weder dem David allein verliehen, aus sich selbst Gutes zu denken, noch ist es uns von Natur aus verwehrt, irgend Gutes zu verstehen oder zu denken. Man kann also nicht zweifeln, [S. 78] daß zwar alle Keime der Tugenden durch die Gnade des Schöpfers der Seele von Natur aus eingepflanzt seien; aber wenn sie nicht durch die Hilfe Gottes erweckt werden, so können sie nicht zu dem Wachsthum der Vollkommenheit gelangen, weil nach dem hl. Apostel weder Der Etwas ist, der pflanzt, noch Der, welcher begießt, sondern der das Wachsthum gibt, Gott. 9 Daß aber dem Menschen die Freiheit des Willens nach jeder Seite hin zu Gebote stehe, lehrt auch ganz offenbar jenes Buch, welches das des Hirten heißt, da in ihm gesagt wird, daß einem Jeden von uns zwei Engel zur Seite stehen, nemlich ein guter und ein böser, daß es aber in der Wahl des Menschen liege, zu entscheiden, welchem er folgen wolle. Und so bleibt in dem Menschen immer der freie Wille, der die Gnade Gottes vernachlässigen oder schätzen kann; denn es hätte der Apostel nicht befohlen und gesagt: „Mit Furcht und Zittern wirket euer Heil!“ wenn Dasselbe von uns nicht entweder gesucht oder vernachlässigt werden könnte. Damit sie aber nicht glaubten, daß sie zum Heilswerke der göttlichen Hilfe entbehren könnten, fügt er bei: „Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und Vollbringen bewirkt nach seinem Wohlgefallen.“ Und deßhalb sagt er, 10 den Timotheus ermahnend: „Verachte nicht die Gnade Gottes, die in dir ist;“ und wieder: 11 „Deßbalb ermahne ich dich, daß du erweckest die Gnade Gottes, die in dir ist.“ Darum ermahnt und drängt er auch in dem Briefe an die Korinther, daß sie sich nicht durch unfruchtbare Werke der Gnade Gottes unwerth machen sollen, und sagt: 12 „Als Mitarbeitende ermahnen wir euch, daß ihr nicht vergebens die Gnade Gottes empfanget.“ Weil Simon ohne Zweifel diese vergebens erhalten hatte, war ihm der Empfang der Heilsgnade nicht von Nutzen; denn er wollte dem Befehle des hl. Petrus nicht gehorchen, der ihm sagte: 13 „Thue Buße wegen [S. 79] dieser deiner Bosheit und bitte Gott, ob dir vielleicht verziehen werde dieser Gedanke deines Herzens; denn ich sehe, daß du in Galle der Bitterkeit und in Banden des Frevels bist.“ Es kommt also die Barmherzigkeit Gottes dem Willen des Menschen zuvor, wovon es heißt: 14 „Mein Gott, seine Barmherzigkeit kommt mir zuvor!“ Und wieder kommt dem Herrn, der zögert und gewissermaßen stehen bleibt, um unsere Wahl kennen zu lernen, unser Wille zuvor, wenn es heißt: 15 „Und früh am Morgen kommt mein Gebet dir entgegen;“ und wieder: 16 „Ich kam in der Frühe und rief, und meine Augen wandten sich dir entgegen beim Morgenlicht.“ Er ruft uns auch und ladet uns ein, wenn er sagt: „Den ganzen Tag breitete ich meine Hände aus nach einem Volke, das mir nicht glaubt und mir widerspricht.“ Er aber wird von uns eingeladen, wenn wir sagen: 17 „Den ganzen Tag breite ich meine Hände nach dir aus.“ Er erwartet uns, da es beim Propheten heißt: 18 „Deßbalb wartet der Herr, daß er sich euer erbarme;“ und er wird von uns erwartet, da wir sagen: 19 „Harrend hoffte ich auf den Herrn, und er sah auf mich,“ und: 20 „Ich hoffte auf dein Heil, o Herr!“ Er stärkt uns, da er sagt: 21 „Und Ich belehrte sie und stärkte ihre Arme, aber sie dachten gegen mich Böses.“ Doch er ermahnt uns auch, daß wir uns selbst stärken sollen, wenn es heißt: 22 „Kräftiget die schlaffen Hände und stärket die wankenden Kniee!“ Es rief Jesus: 23 „Wenn Jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke,“ — und es ruft zu ihm der Prophet: 24 „Ich mühte mich ab mit Rufen, heiser wurde meine Kehle, es vergehen meine Augen, während ich hoffe auf meinen Gott.“ Es sucht der Herr und sagt: 25 „Ich suchte, und kein Mann war da; ich rief, und Niemand war, der Antwort gab;“ er selbst aber wird gesucht von der mit Thränen [S. 80] klagenden Braut: 26 „In meinem Gemache suchte ich in den Nächten ihn, den meine Seele liebt; ich suchte und fand ihn nicht; ich rief ihn, und nicht antwortete er mir.“ 27

1: Pred. 7, 30.
2: Röm. 2, 14. 15.
3: Is. 42, 19.
4: Is. 43, 8.
5: Ezech. 12, 2.
6: Matth. 13, 13 ff.
7: Luk. 12, 57.
8: II. Paral. 6, 7. 8.
9: I. Kor. 3, 7.
10: I. Tim. 4, 14.
11: II. Tim. 1.
12: II. Kor. 6, 1.
13: Apostelg. 8, 22.
14: Ps. 58, 11.
15: Ps. 87, 14.
16: Ps. 118, 147. 148.
17: Ps. 87, 10.
18: Is. 30, 18.
19: Ps. 39, 2.
20: Ps. 118, 174.
21: Ose. 7, 15.
22: Is. 35, 3.
23: Joh. 7, 37.
24: Ps. 68, 4.
25: Is. 66, 4.
26: Hohes Lied 3, 1.
27: Wir glauben nicht, daß irgend Jemandem diese ganze oberflächliche Beweisführung gefährlich sein werde, und gehen deßhalb nicht auf die Einzelheiten derselben ein. Es ist eben immer dieselbe Quelle des Irrthums, nemlich unser endliches Vorstellen, welches auch Cassian’s Verirrungen herbeiführte, da er sich herausnimmt, Gegensätze zu versöhnen, die ihm auseinander ragen müssen bis hinüber in das lumen gloriae. Wir haben kein absolutes Sein erfahren, und so geheimnißvoll, wie es selbst, ist uns sein Verhältniß zum Endlichen. Wenden wir auf das Wirken Beider die Weise der Negation an, welche die Theologen zu Hilfe nehmen, um die göttlichen Eigenschaften und ihr Verhältniß zu den geschöpflichen darzustellen, so ist das menschliche Wirken im Vergleich zu dem göttlichen ein Nichtwirken. Wie kann man also mit Cassian beide als gleichwertig addiren, um die menschliche Tugendhandlung als Summe zu erfassen? Es bleibt der Irrthum, wenn auch der endliche Beitrag noch so klein angesetzt wird. Unmöglich kann also dem Menschen das Gute in derselben Weise zugeschrieben werden wie das Böse, zu dessen Verwirklichung er allein ist und nicht der Konkurrenz eines überschwänglichen, unendlichen Faktors bedarf. Seine Einwilligung in das Gute, seine ganze Mitwirkung ist so bedingt, bewirkt, getragen, durchwohnt von dem absoluten Faktor, daß wir hiefür keine Vorstellung, kein Gleichniß haben und es nur als Geheimniß festhalten müssen, der Mensch habe doch ein wahres Verdienst, wie er ein wahres Sein hat, obwohl es ganz von Gott kommt. Cassian meint, der Mensch habe keinen freien Willen, wenn er das Gute nicht ganz aus sich allein könne; das ist aber ebenso falsch, wie wenn man sagen wollte, er habe kein eigenes, wahres Sein, wenn er es nicht aus sich habe; er sei dann ein Theil oder Ausfluß Gottes. Hier ist eben der den Pantheismus wie Deismus gleichmäßig vermeidende Begriff der Schöpfung, der wegen seines Geheimnisses unbequem ist, einfach gestrichen, wie dort der dem absoluten Wirken nothwendige, Freiheit gebende und nicht aushebende Begriff der aus sich wirksamen Gnade, freilich ein Kreuz des Verstandes. Gleicherweise fehlt Cassian in dem ähnlichen Verhältnisse des Natürlichen und Uebernatürlichen. Weil der Mensch durch den Sündenfall nicht alle Ertenntniß und gute Willensneigung verloren hat, so setzt Cassian das Uebriggebliebene, das ja nur dem Naturgebiete angehört, gleich auch für das Übernatürliche an und behauptet schlechthin, es seien im Menschen von Natur aus alle Keime der Tugenden. Dem gegenüber ist die wahre Lehre, daß die Natur von sich aus das Uebernatürliche, also insbesondere auch das christliche Gnadenleben, nicht einmal ahnen, viel weniger verlangen oder gar erreichen, verdienen kann. Die Gnade bewirkt in ihrer Art eine neue Schöpfung, eine neue, überschwänglich höhere Art und Sphäre des Lebens.

 

 

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Gregor Emmenegger